Adventskalender: "Verlorene Weihnachten"

24.12.2006 - Verlorene Weihnachten -24-

So Leute, ich war Euch noch ein Kapitel schuldig. Tut mir leid, dass ich in den letzten Tagen etwas hinterhergehangen hab, aber auch ich bin vor Weihnachtsstress nicht gefeit. Ich hoffe, ich habe einigen den Dezember ein wenig versüßt und in diesem letzten, richtig langen Kapitel findet jeder, was ihm noch gefehlt hat.

Ich wünsche Euch allen noch fröhliche Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Das wars von mir, machts gut.


24. Dezember

 

    Irgendwie wurden sie fertig.

Sabina wusste zwar nicht genau, wie sie das geschafft hatten, aber als die Glocken läuteten und die Menschen zum Gottesdienst riefen, war alles, wie und wo es sein sollte.

    Sabina öffnete zusammen mit Hauke die beiden schweren Türflügel des Kirchenportals. Sie trat hinaus und sah in den Himmel. Es war schon dunkel, aber weder der Mond noch ein einziger Stern waren zu sehen. Die dicke Wolkendecke hatte sich über den Tag gehalten. ‚Wenigstens regnet es nicht.’ dachte Sabina und atmete tief die frische Luft ein. Kalt war es geworden, wesentlich kälter als am Morgen. Sie schlang die Arme um sich und ging wieder zur Tür.

    Plötzlich bekam sie etwas auf die Nase. Es war feucht und kalt, aber es fühlte sich nicht nach einem Regentropfen an. Sie sah nach oben und drehte sich noch einmal um, um ein größeres Stück des Himmels zu sehen. Es war kaum zu glauben, aber überall rieselten dicke, weiße Flocken langsam zur Erde herab. Es schneite, es schneite tatsächlich, an Heiligabend, pünktlich zum Kirchgang. Weihnachten war schon was wunderbares! Die Menschen, die den Weg zur Kirche entlang kamen gingen langsamer und sahen nach oben. Sie streckten die Hände aus und besahen sich ungläubig die kleinen Kunstwerke, die da in ihren Händen schmolzen. Die Kinder liefen umher und versuchten genug Schnee für einen Schneeball zu fangen oder sie probierten, wie Schnee schmeckt.

    Die Flocken blieben in Zweigen hängen und funkelten, wenn ein leichter Wind sie bewegte. Der Weg war schnell von einer dünnen, glitzernden Schicht überzogen und zwang die Menschen, vorsichtiger zu gehen. Hauke hatte gleich einen großen Eimer Sand geholt und streute damit den Weg. Das braun-weiße Gemisch sah zwar nicht ganz so gut aus, aber Stürze sollte es natürlich auch nicht geben. Der Schneefall wurde rasch dichter und mauserte sich bis zum Beginn des Gottesdienst zu regelrechtem Schneetreiben.

    Sabina und Lisa hatten sich Plätze ganz hinten in der Kirche gesucht und sahen zu, wie sich die Reihen nach und nach füllten. Christmas hatte zwischen ihren Beinen Zuflucht gesucht. Bei all den vielen Füßen, die hierhin und dorthin gingen, um Bekannte zu begrüßen, hatte er wohl Angst getreten zu werden. Markus kam auch und setzte sich zu ihnen. Er hatte vorher noch einige Stunden die Rufbereitschaft in seiner Firma übernommen. Aber sehr zu seiner Freude, hatten die elektronischen Anlagen, die sie betreuten, wohl gemerkt, dass Heiligabend war und keine Probleme und Ausfälle verursacht. Er blätterte entspannt im Gesangbuch und markierte schon mal die ersten beiden Lieder, die gesungen werden sollten.

    Der Gottesdienst begann und bot alles, was man nur erwarten konnte. Der Organist wurde von einer Trompete begleitet, der Gemeindechor sang, ebenso ein Engelschor aus kleinen Kindern. Die konnten zwar kaum auf den Text achten, weil sie so beschäftigt waren ihre Kerzen gerade zu halten, aber der Sopran des Gemeindechors rettete die Grundmelodie, so dass am Ende alle wussten, welchem Lied sie applaudierten. Die Konfirmanden führten das Krippenspiel auf und der Engelschor kam (diesmal ohne Kerzen) auch noch mal zu gesanglichem Einsatz. Die Predigt war locker und amüsant formuliert und befasste sich mit Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Am Ende lud der Pastor noch einmal ganz herzlich zur anschließenden Feier ein.

    Nach dem Gottesdienst zog die Gemeinde unter Glockengeläut und einem vielstimmigen „Oh, du fröhliche“ aus der Kirche hinaus in den Schnee. Es hatte zwar nachgelassen, aber die gute Stunde hatte gereicht, um eine mehrere Zentimeter dicke Decke über alles zu legen. Zwei junge Männer griffen sich spontan die Schneeschieber von der Wand und schoben einen Pfad frei, Markus ging mit dem Besen hinterher und weil Hauke an der Tür mit Händeschütteln beschäftigt war, suchte und fand Sabina den Eimer mit Sand. Lisa war derweil schon wieder in die Küche verschwunden.

    Stattdessen kam Torben angelaufen und half Sabina beim Sandstreuen. „Wir währen fast zu spät gekommen, weil wir noch so lange bei Papa waren. Aber wir haben gerade noch einen Platz am Rand gefunden. Die kleinen Engel, die ihren Text gar nicht richtig konnten fand ich lustig und der Baum sieht so toll aus. Und ist es nicht toll, dass es schneit?! Und ich bin so gespannt was Mama zu ihrem Geschenk sagt, wenn doch nur schon Bescherung wäre!“ plapperte er aufgeregt und ohne richtig Luft zu holen drauf los. Sabina musste über seine Aufregung lachen. „Nun beruhige dich mal und vergiss das Atmen nicht. Die Bescherung kommt noch früh genug und ganz von alleine. Jetzt müssen wir drinnen erstmal umräumen und dann gibt es was zu essen und dann sehen wir weiter.“

    Die beiden gingen in die Kirche und trafen dort auf Torbens Mutter. „Ach Torben, da bist Du abgeblieben.“ Sie strich Torben durch die Haare und lächelte dann Sabina an. „Ich bin Meike.“ sagte sie und hielt ihr die Hand entgegen. Sie wirkte weniger angespannt als bei ihrer letzten Begegnung. Sabina ergriff ihre Hand und stellte sich ebenfalls vor. „Ich weiß, wer sie sind.“ sagte Torbens Mutter. „Torben redet viel von Ihnen und auch dieser nette junge Vikar hat Sie erwähnt. Ich möchte Ihnen von Herzen für alles was Sie getan haben danken.“ „Ach, das war doch eigentlich gar nichts.“ tat Sabina den Dank ab. Es war ihr unangenehm, dass ihre kleinen Anflüge von Mildtätigkeit plötzlich so groß wirkten. Meike sah ihr tief und fest in die Augen. „Für uns haben Sie sehr viel getan. Sie haben für meinen Jungen Weihnachten gerettet und uns ein Licht gezeigt. Das ist mehr als viele andere getan haben.“

    Zu Sabinas Glück war auch Meike keine Frau von Sentimentalitäten. Ihre nächsten Worte waren: „Wo kann ich helfen, was muss getan werden?“ Sabina erklärte ihr, wie die Stühle und einige Tische angeordnet werden sollten und die beiden machten sich mit einigen anderen ans Werk. Es war praktisch, dass die Kirche keine Bänke, sondern Stuhlreihen hatte. An einer Wand der Kirche bauten sie eine lange Reihe Tische für das Buffet auf und noch während sie am einen Ende herumrückten fing Lisa an, das andere Ende voll zu stellen. Auch die Gäste platzierten ihre mitgebrachten Speisen. Lisa ließ sich von jedem erzählen, was der eigentlich hatte und stellte dann kleine Schilder an die Schüsseln und Platten, so dass jeder wusste, was er sich da auftat.

    Die Gäste klebten sich ohne Widerspruch ihre Namensschilder auf die Brust und schon das Herrichten der Kirche wurde ein großer Spaß für alle. Die Wegepartnerschaft, die Sabina organisiert hatte, funktionierte offenbar gut, jedenfalls blieb ihr Handy, das sie vorsichtshalber in der Tasche hatte, stumm. Auch das Zettelsystem für die Geschenke funktionierte wie erhofft. Markus hatte sich am Baum postiert, erklärte die Idee und half den Leuten damit. Mehr und mehr Päckchen lagen dort und stapelten sich bereits, als Sabina Gelegenheit fand ihre Geschenke dazu zu packen. Außer dem Buch für Torben und der Kette für Lisa hatte sie ja auch noch die Weihnachtsgeschichte eines Hundes für Hauke. Sie hatte ihm auch noch ein Kreuz aus matt-silbernen Perlen als Schlüsselanhänger gebastelt. Da er sich aber als Weihnachtsmann schlecht selber beschenken konnte, hatte sie einfach „Christmas“ auf das Schildchen geschrieben und auch noch einen kleinen Kauknochen für den Vierbeiner dazugepackt.

    Am Buffet versuchte Lisa gerade an einigen Stellen Platz für Geschirr und Besteck zu schaffen. Die Tische standen voller unterschiedlicher Gerichte und es würde schwer fallen, sich bei dieser Auswahl zu entscheiden. Während Lisa noch schob uns rückte, holte Sabina schon einmal den Rollwagen mit dem Geschirr herein. Die Gemeinde hatte zwar einen recht großen Bestand in ihrem Gemeindehaus, aber der Pastor hatte sich lieber auch noch das Geschirr der Nachbargemeinde geliehen. Und wenn Sabina sich in der Kirche so umsah, war das auch besser so. Sie hatte niemals mit so vielen Menschen gerechnet. Einige Gesichter kannte sie von der Straße und vom Einkaufen, andere hatte sie noch nie gesehen. Aber nirgendwo stand oder saß jemand alleine, alle fanden ganz selbstverständlich einen Gesprächspartner.

    Sabina legte gerade einen Schwung  Messer in einen kleinen Korb, als sie jemand von der Seite ansprach. „Entschuldigung, wo soll ich das hier hinstellen? Es ist ein Kuchen, den meine Großmutter immer zu besonderen Festen gebacken hat.“ „Die Desserts haben wir alle im hinteren Bereich des Buffets aufgebaut.“ sagte Sabina und sah zu der Frau, die sie angesprochen hatte, auf. Sie war überrascht. Neben ihr stand die Türkin, die im gleichen Haus wie sie, im Erdgeschoss wohnte und die sich so schweigsam an Sabinas kleiner Nikolaus-Überraschung für Torben beteiligt hatte. Sie hatte zwar mit einem deutlichen Akzent gesprochen, aber es konnte keine Rede davon sein, dass sie kein Deutsch konnte. „Sie sehen mich so überrascht an. Stimmt etwas nicht?“ „Nein, nein, es ist alles in Ordnung.“ Sabina fühlte sich schon wieder auf dem falschen Fuß ertappt. „Ich hatte Sie hier nicht unbedingt erwartet.“ „Weil es ein christliches Fest ist? Es gibt auch türkische Christen, aber Sie haben Recht, ich bin Muslimin. Aber was an Eurem Fest ist noch christlich? Und ich lebe schon so lange hier, da gehört es irgendwie dazu.“ Sie lächelte Sabina an und ging zum Ende des Buffets, um ihren Kuchen abzustellen. Sabina ging ihr nach. „Es gibt da noch etwas, das mich irritiert. Ich war mir nie sicher, ob sie überhaupt Deutsch sprechen, weil ich sie nie etwas anderes als Türkisch habe reden hören. Auch Nikolaus haben sie nichts gesagt. Warum nicht? Wo sie unsere Sprache doch so gut sprechen.“ Die Türkin lachte. „Ich habe oft das Gefühl, viele wollen gar nicht reden. Und wenn ich nichts sage und sie denken, ich könnte kein Deutsch, ist es leichter, weil sie kein schlechtes Gewissen haben müssen.“ In den Worten der Türkin lag viel Wahres. Schließlich hätte Sabina auch schon viel eher fragen, oder ein Gespräch anfangen können. „Ich verstehe, was Sie meinen.“ sagte sie darum langsam. „Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass Sie heute hier sind und wir uns so endlich einmal kennen lernen. Ich bin Sabina.“ „Ich heiße Meltem“ erwiderte die andere Frau „und ich bin froh, dass Sie das hier machen. Es wird ein schöner Abend.“ Dann ging sie hinüber zum Baum und fügte ihr Geschenk den anderen hinzu.

    Kurz darauf eröffneten der Pastor und Hauke den Abend offiziell und wünschten allen viel Vergnügen und guten Appetit, womit das Buffet gleich mit eröffnet war und gestürmt wurde. Hauke suchte sich einen Weg durch die Menge herüber zu Sabina und sagte: „Bei den vielen Geschenken, brauchen wir für die Bescherung ja ewig und das mit dem Leute kennen lernen und passend zuteilen, können wir auch vergessen. Vielleicht lese ich die Beschreibungen vor und frage, wer so etwas schon immer haben wollte oder so ähnlich. Mir wird schon was einfallen.“ „Das ist gut. Ich bin nämlich völlig erschlagen von all dem hier. Mit so vielen hatte ich nie und nimmer gerechnet!“ „Ich hatte Dir doch gesagt, dass es viele Menschen gibt die immer, auch an Weihnachten allein sind und sich damit nicht unbedingt wohl fühlen.“ „Stimmt. Aber hattest Du erwartet, dass auch so viele Familien kommen, einfach, weil sie die Idee toll finden? Ich dachte immer, Weihnachten wollen alle nur mit ihrer Verwandtschaft zusammen sitzen.“ „Na ja, dass von denen auch so viele kommen, überrascht mich ehrlich gesagt auch. Aber es ist doch herrlich, dass so viele Kinder hier sind. So kommt richtig Leben in die Bude!“ Sabina lachte und musste Hauke Recht geben. So war es wirklich viel lebendiger und amüsanter, als wenn nur Erwachsene da gewesen wären.

    Als bei allen der erste Hunger gestillt schien, schlich sich Hauke davon und kam als Weihnachtsmann mit einem wunderschönen Mantel und langem Rauschebart zurück. Er polterte mit schweren Schritten durch die schwere Kirchentür und klopfte sich demonstrativ den Schnee aus Kleidung und Bart. Neben ihm schüttelte sich Christmas, dass es nur so bimmelte, denn Hauke hatte ihm eine Tischglocke ins Maul gegeben. Noch lustiger war, dass Christmas einen grünen Elfenhut trug. „Hohoho“ grüßte der Weihnachtsmann, ganz wie es sich gehörte. „Hier ist ja mächtig was los. So viele Leute und Musik und das riecht hier so lecker. Mmm. Toll. Was feiert ihr denn?“ Alle lachten und ein kleines Mädchen antwortete schüchtern: „Na, Weihnachten natürlich.“ „Weihnachten“ sagte Hauke „Ja das ist ja ein Zufall. Ich bin ja der Weihnachtsmann!“ „Wissen wir!“ rief Torben durch die halbe Kirche und wieder lachten alle. „Weihnachten, Weihnachten … Mir ist so, als ob ich irgendwas vergessen hätte. So, als wenn ich noch irgendwas ganz dringendes erledigen müsste. Aber was? Habt Ihr da `ne Idee?“ Diesmal traute sich ein kleiner Junge. „Du musst doch die Geschenke verteilen.“ „Oh man, ja! Danke schön, mein Kleiner. Das hatte ich ganz vergessen. Man wird halt auch nicht jünger, das Gedächtnis…“ Ein etwas älteres Mädchen, das auf jeden Fall schon zur Schule ging, zupfte Hauke am Ärmel. „Duu, Weihnachtsmann?“ „Ja?“ „Wenn Du die Geschenke noch nicht verteilt hast, wo sind die denn dann? Du hast ja gar keinen Sack dabei.“ „Wie ‚Ich hab keinen Sack dabei’? Ich hab doch immer…“ Hauke sah hinter sich und auf seinen Rücken und drehte sich dann ein paar Mal suchend um die eigene Achse. „Ich hab keinen Sack dabei! Oh jemine, was machen wir denn jetzt? Wo sind denn bloß die Geschenke abgeblieben? Christmas, warum hast Du denn nicht aufgepasst? Du weißt doch, wie vergesslich ich bin!“ Christmas legte nur fragend den Kopf auf die Seite und bimmelte dabei kurz mit seiner Glocke. „Na los, Du Weihnachtsexperte! Jetzt seh mal zu, wo Du die Geschenke wiederfindest. Los, such!“ Christmas tat, wie ihm geheißen. Er schnüffelte an Hauke und den Gästen und überall in der Kirche, sogar unter und hinter dem Altar. Schließlich kam er auf erstaunlichen Umwegen zum Baum, schnupperte an den Päckchen und fing dann an zu bellen. „Er hat sie!“ rief Hauke durch die ganze Kirche. „Der treue Hund des Weihnachtsmannes hat die Geschenke wiedergefunden. Sie lagen unter Eurem Tannenbaum. Wie kommen die denn hierher? War ich vorhin schon mal da?“ „Neeeiiin!“ lautete der einstimmige Chor der Gäste. „Nun, wie auch immer. Die Geschenke sind da und ich bin der Weihnachtsmann und ich bin auch da und ich werd jetzt das tun, was so meine Aufgabe ist: Ich verteil jetzt die Geschenke!“ Der Jubel war eine eindeutige Zustimmung und so begann die Bescherung. Markus hatte die Päckchen nach Geschenken für Kinder und Erwachsene sortiert, damit die Kinder nicht zu lange warten mussten. Hauke nahm zwischendurch immer wieder auch Erwachsene dran, aber die Kinder vorzuziehen war eine gute Idee. Für alles fanden sich Interessenten oder Hauke guckte sich jemanden aus, dem er das Päckchen direkt gab. Wer nach vorne kam, um sich etwas abzuholen durfte, wenn er wollte, etwas singen, aufsagen oder vormachen. Viele wollten natürlich nicht, aber einige lustige und schöne Darbietungen gab es doch.

    Als dann ein größeres und schweres Geschenk für Torben auftauchte, bekam der ganz strahlende Augen. Er nahm es ganz ehrfürchtig entgegen und wickelte es behutsam aus. Er konnte kaum fassen, dass er tatsächlich das Buch über Ägypten bekommen hatte. Er strich über den Einband und schlug es vorsichtig auf. Er sah zu seiner Mutter auf und wollte sich bedanken, doch Meike sagte gleich: „So gern ich es Dir geschenkt hätte, das Buch ist nicht von mir.“ Torben grübelte einen Moment. Dann sah er zu Sabina hinüber. Sie lächelte nur und er lief zu ihr und umarmte sie ganz fest. „Danke, danke, danke. Das ist so toll, das ist das beste Geschenk in der ganzen Welt!“ Sabina wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte, also sagte sie nur: „Ist schon gut.“

    Auch die Resultate des Bastelabends fanden Anklang. Sowohl Meike, als auch Lisa freuten sich über die selbstgemachten Ketten. Insgesamt waren alle recht zufrieden mit dem, was sie geschenkt bekamen, denn hinter allen Dingen steckten liebevolle Überlegungen und Mühen.

    Relativ spät bekam Hauke das Päckchen zu fassen, dass für ihn bestimmt und an Christmas adressiert war. Er las den Zettel etwas erstaunt vor, doch sein Hund fand die Idee offensichtlich klasse. Er schnappte sich das Geschenk aus der Hand seines Herrchens und suchte sich einen sicheren Platz neben dem Altar. „Aber warte mit dem Auspacken mein Freund. Ich helf Dir dann.“ ermahnte der Weihnachtsmann seinen treuen Gehilfen.

    Die Bescherung hatte in der Tat lange gedauert, war aber zum Glück nicht langweilig geworden. Die Leute saßen überall in kleinen Grüppchen beisammen und unterhielten sich und viele starteten einen zweiten Gang zum Buffet. Hauke wurde von den Kindern umlagert, die vom Weihnachtsmann persönlich eine Geschichte hören wollten und die Bitte konnte er ihnen natürlich nicht abschlagen. Sabina sammelte überall das benutzte Geschirr ein und brachte es in die Küche. Die Spülmaschine lief gerade, also ging sie direkt wieder zurück zur Feier. Als sie am Büro vorbei kam, hörte sie das Telefon klingeln. Eigentlich hatte sie damit zwar nichts zu tun, aber wenn am Heiligabend jemand in der Kirche anrief, musste es ja wichtig sein. Die Tür war offen und Sabina nahm den Hörer ab. „Hallo? Kirchengemeinde in der Lutherstraße“ meldete sie sich. Sie wusste einfach nicht, was sie sonst hätte sagen sollen. „Ja hallo. Gut, dass ich jemanden erreiche. Hier spricht das Städtische Klinikum. Ist Meike Tanehoff bei Ihnen?“ „Jaaa“ Sabina bekam einen dicken Kloß im Hals. Das Krankenhaus fragte nach Torbens Mutter. ‚Bitte nicht’ dachte sie ‚Bitte keine schlechten Nachrichten am Heiligabend, nicht jetzt!’ Die Krankenschwester am anderen Ende sprach weiter. „Oh, gut. Dann hatte ich das heute Nachmittag ja doch richtig verstanden. Ich müsste sie dringend sprechen. Könnten Sie sie wohl bitte ans Telefon holen?“ „Ja, Moment bitte.“ Der Kloß schnürte Sabina fast die Stimme ab. Sie hatte den Hörer schon auf den Schreibtisch gelegt, als sie ein „Hallo, warten sie kurz!“ hörte. Sie nahm den Hörer wieder ans Ohr. „Ja?“ „Sagen Sie Frau Tanehoff doch bitte, dass sie sich keine Sorgen machen muss; ich habe gute Neuigkeiten für sie.“ Sabina fiel ein Stein vom Herzen. Wenn die Schwester Meike am Heiligabend hinterher telefonierte, dann mussten das schon verdammt gute Neuigkeiten sein. „Kleinen Moment. Ich bin sofort wieder da.“ Diesmal lies sie den Hörer fast fallen und eilte zur Kirche.

    Sie musste sich zwingen, langsam zu gehen und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Torben war gerade damit beschäftigt, einem anderen Jungen sein Buch zu zeigen und zu erklären, was so spannend an Ägypten war. Meike saß an der Wand und schaute träumend in den Baum. Im Vorbeigehen bat Sabina Markus, ein bisschen nach Torben zu sehen, damit der möglichst nichts mitbekam; sie wollte ihn nicht beunruhigen. Sie setzte sich neben Meike. Und weil ihr keine geschickte Einleitung einfiel sagte sie einfach: „Das Krankenhaus ist am Telefon.“ Im Bruchteil einer Sekunde drehte sich Meike zu ihr um und in ihren Augen stand blankes Entsetzen. „Nein, es ist alles in Ordnung, wirklich!“ Sabina legte ihr die Hände auf die Schultern. „Alles ist in Ordnung. Die Schwester hat gesagt, sie hat gute Neuigkeiten für Dich.“ Jetzt sah Meike etwas ungläubig aus. „Was denn für gute Neuigkeiten, um diese Zeit?“ „Das hat sie mir nicht gesagt. Komm, sie wartet. Dann weißt Du was los ist.“ Etwas zögernd stand Meike auf und folgte Sabina ins Büro. Sie setzte sich auf den Stuhl und nahm vorsichtig den Hörer hoch. „Hallo?“ Es klang nicht fragend, es klang ängstlich. Sabina stand an der Tür und wartete. Sie wollte nicht lauschen, aber sie wollte Meike jetzt auch nicht alleine lassen, egal was gerade passierte und in ihr vorging. Das Gespräch verlief eher einseitig. Von Meike kam gelegentlich ein „Ja“ oder „Mhm“. Zum Schluss sagte sie: „Okay, wir kommen dann.“ Alles klang neutral, fast unbeteiligt. Meike saß da, hatte den Hörer noch in der Hand und ließ den Kopf hängen. Nun wusste Sabina gar nicht mehr was los war. Dann schluchzte Meike. Sabina ging zu ihr, nahm ihr den Hörer aus der Hand und legte ihn auf. Dann kniete sie sich hin und sah Meike ins Gesicht. „Was ist denn los? Was ist denn bloß passiert? Sie sagte doch was von guten Neuigkeiten.“ Meike sah sie an und die leise Verzweiflung war aus ihren tränennassen Augen verschwunden. „Er ist wach.“ antwortete sie tonlos.

    Dann brach es aus ihr heraus und sie fiel Sabina um den Hals und ihre ganze Erleichterung suchte sich ihren Weg. „Christian ist aufgewacht und er spricht und er weiß wer er ist und er versteht wo er ist und er fragt nach Torben und mir und er hat Hunger!“ Sabina wusste gar nicht, wie sie sich fühlen sollte. Da hatte sie diese in Tränen aufgelöste Frau in den Armen, die ihr erzählte, dass ihr Mann nach Monaten endlich aus dem Koma erwacht war und es ihm allen Anschein nach gut ging. Sollte sie sie trösten oder nach einer Flasche Champagner suchen? Meike sammelte sich langsam wieder. Sie richtete sich auf und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab. „Entschuldige. Ich hab so oft von diesem Moment geträumt, dass ich kaum glauben kann, dass er wahr wird. Ich träume doch nicht oder? Das passiert doch wirklich?“ „Ja, es passiert wirklich. Du hast Dir das nicht eingebildet. Wollen wir rüber gehen und es Torben erzählen? Und dann sehen wir zu, wie ihr am schnellsten zum Krankenhaus kommt.“ Sie lächelte Meike ein bisschen aufmunternd zu und hakte sie unter.

    In der Kirche hockte Markus mit Torben auf dem Boden und ließ sich das Buch zeigen. Meike holte tief Luft und ging zu den beiden rüber; Sabina hielt sich etwas im Hintergrund. „Torben, mein Schatz…“ Der Junge war einfach zu pfiffig. „Was ist los? Mama Du hast geweint! Was ist passiert?“ „Nichts. Es ist alles in Ordnung. Das Krankenhaus hat angerufen.“ „Dann ist nicht alles in Ordnung. Die rufen nur an, wenn was Schlimmes passiert ist!“ Torben bekam jetzt auch schon feuchte Augen. „Nein, mein Schatz, es ist wirklich gut. Das Krankenhaus ruft auch an, wenn gute Dinge passieren. Papa ist aufgewacht.“ Torben starrte sie ungläubig an. „Was?“ „Ja, ich konnt's auch nicht glauben. Papa ist wach und es geht ihm soweit ganz gut. Er fragt nach uns.“ Markus war schneller auf den Beinen als Torben die Nachricht verarbeiten konnte. „Ich hol meine Autoschlüssel.“ Die Frage der Fahrt zum Krankenhaus war geklärt.

    Torben löste sich langsam aus seiner Erstarrung. „Wirklich? Ganz ehrlich ohne Schummeln?“ „Wirklich. Ganz ehrlich ohne Schummeln.“ Jetzt fiel Torben seiner Mutter um den Hals. Dann sprang er auf und lief durch die Kirche und erzählte jedem, dass sein Papa wach sei. Die meisten Leute fragten sich vermutlich, was daran so Bejubelns wert war, aber die Freude des kleinen Kerls war ansteckend. Dann rannte Torben zu Sabina und umarmte sie so heftig, wie noch nie zuvor. „Mein Papa ist wach! Das ist das überhaupt allerschönste Weihnachten, das es nur geben kann. Danke, danke, danke, danke schön!“ „Aber ich hab da doch gar nichts für gemacht!“ protestierte Sabina. „Aber bei irgendwem muss ich mich bedanken!“ Der nächste war dann logischer Weise der Weihnachtsmann. Torben schmiss Hauke fast um, weil der auf seinen Mantel trat, als er Torben auffing. Das ganze ging gerade noch gut und Hauke freute sich natürlich begeistert mit. Auch Meike wollte Hauke noch einmal ganz fest drücken und sich für alles bedanken und auch Sabina kam wieder nicht ungeschoren davon. Markus stand bereits mit den Jacken im Arm an der Tür und fuhr die beiden vorsichtig über die schneeglatten Straßen ins Krankenhaus.

    Sabina stand in der Tür und sah dem Wagen nach. Das war heute zwar nicht das erste Weihnachtswunder, aber es war mit Sicherheit das größte. Sie hatte sich das ein oder andere von diesem Abend erhofft, aber ihre Erwartungen waren alle zur Gänze übertroffen worden. Sie fühlte sich pudelwohl und fand, dass es bestimmt kein besseres Weihnachten geben konnte. Was hatte sie bloß vor einem Monat noch gegen dieses Fest gehabt? Es hatte sich wirklich eine Menge verändert. Ihr Bauch hatte Recht behalten, aber ob er das erwartet hatte? Wer weiß.

    Hauke kam zu ihr und legte seine Arme mit dem weiten Weihnachtsmannmantel um sie. „Es ist viel zu kalt hier draußen. Du wirst nur krank.“ „Ich spür die Kälte gar nicht. Es fühlt sich gerade alles so gut an.“ Trotzdem zog Hauke sie in den Windfang und ließ die Tür zufallen. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass die beiden ganz unter sich waren. Hauke zeigte nach oben. „Vorsicht, Mistelzweig.“ „Wann hat Lisa die denn aufgehängt?“ „Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ich bin nur froh, dass er da hängt.“ Was dann folgte, war nicht gerade ein harmloser Mistelzweig-Kuss und es sollte auch nicht der letzte sein.

        

    Wenn es nach Sabina ginge, konnte ständig Weihnachten sein!

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24.12.2006 - Verlorene Weihnachten -23-

    Am 24. Dezember wurde Sabina vom Klingeln des Telefons geweckt. „Hallo?“ „Guten Morgen. Ich bin’s, Hauke. Bei Dir sieht’s noch so ruhig aus, da dachte ich, ich ruf mal an. Nicht das Du gerade heute verschläfst.“ Sabina sah auf ihren Wecker. Sie hatte noch nicht katastrophal verschlafen, aber eigentlich hatte sie eher aufstehen wollen. Es gab noch genug zu tun. „Ist gut, ich geh duschen. Danke fürs Wecken. Irgendwie hab ich meinen Wecker nicht gestellt.“ „Dann sehen wir uns später, ich fahr jetzt zur Kirche. Mach’s gut.“ Sabina legte wieder auf und setzte sich auf die Bettkante. Sie war irgendwann in der Nacht aufgewacht. Im Fernsehen liefen diese wenig subtilen, wenig ansprechend gestalteten Werbespots. Sie hatte im Halbschlaf die Fernbedienung unter dem Sofa gefunden und den Kasten abgestellt. Danach war sie in ihr Bett gegangen und hatte weiter geschlafen. Trotzdem fühlte sie sich wie gerädert und war immer noch müde.

    Unter der heißen Dusche verschwand langsam ihre Schläfrigkeit. Wenigstens lösten sich hier schon mal die Verspannungen in ihrem Nacken. Danach machte sie sich einen extra großen Becher Tee und frühstückte. Nach und nach erwachten auch ihre Lebensgeister und ihr Tatendrang. Nach dem Frühstück ging sie auf den Balkon und holte ihren Weihnachtsbaum herein. Sie sah etwas besorgt in den Himmel. Er hing voll dunkler Wolken und es war eine seltsame Luft. Ohne Schnee konnte Sabina leben, aber einen verregneten Heiligabend fand sie furchtbar. Hauke hatte beim Umziehen festgestellt, dass er zwei Christbaumständer besaß und ihr gerne einen davon geliehen. Für Baumschmuck musste sie auch kein Geld ausgeben. Als Sabina Lisa erzählt hatte, dass sie nun doch einen Weihnachtsbaum haben würde, hatte die ihr sofort etwas aus ihrer umfangreichen Sammlung angeboten. Da Sabina selbst keine rechte Idee hatte, wie sie den Baum schmücken wollte, hatte sie dieses Angebot dankend angenommen.

    Nun öffnete sie nach einander die geliehenen Schachteln; in den vergangenen Tagen hatte sie dazu noch keine Gelegenheit gefunden. In der ersten Schachtel war praktischerweise eine Lichterkette. In der zweiten lagen ein großer goldener Stern und als Alternative eine goldene Baumspitze. Danach kamen die Kugeln; Lisa hatte ihr auch hier zwei verschiedene Arten eingepackt. Die einen waren dunkelrot und aus Glas, die anderen waren aus Pappe und mit nostalgischen Weihnachtsmotiven überzogen. In der fünften Schachtel waren Strohsterne und in der sechsten lange Ketten aus Perlen und Sternen. Als alle Schachteln geöffnet auf dem Tisch standen, seufzte Sabina, weil sie sich nicht sicher war, ob sie das so ohne Weiteres schaffen würde. Als sie noch klein gewesen war, hatte sie nie beim Baumschmücken helfen dürfen. Daraus hatten ihre Eltern immer ein Geheimnis gemacht, das erst zur Bescherung gelüftet wurde.

    Sabina begann mit dem, was ihr logisch und relativ einfach erschien, den Lichtern. Sie enthedderte mit ein bisschen Mühe das Kabel und verteilte anschließend die Kerzen gleichmäßig im Baum. Nach einer Weile steckte sie den Stecker in die Dose und besah sich ihr Werk von allen Seiten. Einige Kerzen rückte sie noch ein wenig hierhin oder ein Stückchen dortrüber, aber im Großen und Ganzen war sie mit diesem Anfang ganz zufrieden. Doch jetzt fingen die Entscheidungen an. Der Baum bei ihren Eltern hatte früher immer eine Spitze getragen, doch der Stern war auch sehr hübsch. Sie probierte einfach beides aus und entschied sich dann für den Stern. Diesen Dezember hatte sie schon so vieles anders gemacht, als in den letzten Jahren, warum sollte sie da nicht auch diese Tradition nach ihren Wünschen ändern. Die vielen Facetten des Sterns reflektierten das Licht der Kerzenlämpchen und gaben dem Baum ein ganz eigenes Strahlen.

    Bei den Kugeln war die Entscheidung schwerer. Die roten waren klassisch, aber auch etwas nüchtern. Die Kugeln mit den Weihnachtsmotiven trafen mit ihrer Nostalgie genau Sabinas Geschmack, aber sie war sich nicht sicher, ob der Baum damit nicht zu unruhig werden würde. Sie konnte sich nicht entscheiden und hielt die Kugeln nebeneinander ins Licht und an den Baum. Manchmal konnte die Lösung wirklich nicht leichter sein: Die Kugeln passten wunderbar zusammen! Und so wanderten von beiden Sorten einige Kugeln an die Zweige.

    Bei den Ketten war Sabina skeptisch, aber auch hier probierte sie einfach hin und her und fand die Ketten mit den Sternen dann doch ganz niedlich. Wenn man sie weiter Richtung Stamm schob gaben sie dem Baum mehr optische Tiefe. Abschließen füllte Sie noch einige kleinere Lücken mit Strohsternen. Als sie dann ein paar Schritte zurück trat, war sie sehr zufrieden mit ihrem Werk. (Vorher wäre sie beinahe über das Sofa gefallen, aber das tut hier nichts zur Sache.)

    All zu lange erfreuen konnte sie sich an ihrem Werk nicht. Sie packte alle nötigen Sachen zusammen und machte sich auf den Weg in Richtung Kirche, um bei den letzten Vorbereitungen zu helfen. Allerdings musste sie ihre Wohnungstür noch einmal aufschließen. Sie hatte den Kopf schon wieder so voller Dinge, die erledigt werden mussten gehabt, dass sie doch glatt die Geschenke vergessen hatte. Im zweiten Anlauf bekam sie dann alles mit und ging zu Fuß die wenigen Straßen zur Kirche. Sie nahm sich die Zeit, auch auf die Häuser zu beiden Seiten zu achten. Viele Fenster und Balkone waren geschmückt und mit Lichtern versehen. Manches war Sabina zu kitschig, und dass einige Leute einen lebensgroßen Weihnachtsmann an die Hauswand hängten, fand sie reichlich seltsam, abr insgesamt sah es schön aus.

    Lisa war natürlich schon vor ihr in der Kirche gewesen und umarmte sie zur Begrüßung. So viel Herzlichkeit war zwar neu und ungewohnt für Sabina, schien aber zu Weihnachten zu passen. Hauke kam gerade mit einer großen Leiter herein, stellte sie ab und machte es Lisa nach. Diese Umarmung war für Sabina mindestens genauso überraschend und ungewohnt, aber sie konnte bei Leibe nicht sagen, dass sie etwas dagegen gehabt hätte. „Na Du. Aufgewacht?“ „Geht so. Ich hab die halbe Nacht auf dem Sofa geschlafen, das war nicht die beste Idee.“ „Kann ich mir vorstellen. Was willst Du machen? Lisa beim Schmücken helfen“ dabei zeigte er auf die Leiter „oder mit mir die zusätzlichen Gesangsbücher aus dem Keller hoch holen?“ Sabina sah ihn an. „Sorry, aber da schmücke ich lieber. Die schweren Sachen überlasse ich dann doch lieber euch Männern.“ „Ich hatte es befürchtet. Was frag ich auch?“ Er seufzte theatralisch und ging wieder hinaus.

    Lisa freute sich über Sabinas Hilfe und die beiden machten sich ans Werk. Zuvor bewunderte Sabina aber noch einmal den Baum von allen Seiten. Er sah ohne Schnee auf seinen Zweigen mindestens genauso gut aus, wie an dem Tag im Wald. Mit stillem Stolz stellte Sabina fest, dass der Dekoprofi Lisa den Baum in der selben Reihenfolge schmückte, wie sie es zuvor zuhause gemacht hatte. Allerdings war die Masse an Baumschmuck überwältigend. Die Kindergruppen der Gemeinde hatten einiges gebastelt und Lisa wollte diese Dinge unbedingt in den Baum integrieren, ohne dass dem dadurch die klare Linie fehlte. Die beiden probierten also auch an diesem Baum eine Weile herum bis sie all die Quasten, Goldfolienketten und Papiersterne gelungen mit den Kugeln und Schleifen kombiniert hatten.

    Immer wieder flitzte Lisa in einem Irrsinnstempo die Leiter hinauf, so dass Sabina keine Zeit hatte zu reagieren und die Leiter festzuhalten. Aber entweder war die Leiter ungewöhnlich standfest oder aber am heutigen Tag waren ein paar helfende und schützende Engel anwesend. Jedenfalls konnten die beiden den Baum unfallfrei fertigschmücken und waren nach über einer Stunde sehr zufrieden. Hauke gefiel er auch und Christmas Bellen wurde einfach als Zustimmung interpretiert, obwohl es natürlich alles und nichts heißen konnte.

    Lisa widmete sich danach dem Essen und Hauke und Sabina knoteten Bänder an kleine Zettel. Auf diese Zettel sollten die Leute entweder den Namen des Beschenkten schreiben oder eine kurze Beschreibung geben. Hauke würde dann versuchen die Leute während der Feier gut genug kennen zu lernen, das jeder etwas bekam, dass ihm auch eine Freude bereiten würde. „Wenn wirklich so viele kommen, musst Du mir dabei helfen. Ich hab zwar ne gute Menschenkenntnis, aber wann soll ich denn so viele Gespräche führen?“ Sabina traute ihrer Menschenkenntnis zwar nicht so sehr, aber natürlich würde sie versuchen Hauke zu helfen. Mit gefangen, mit gehangen oder wie hieß es so schön.

    Christmas hatte sich auf Sabinas Füße gelegt und hielt ein Mittagsschläfchen. Er hatte die Ruhe weg, als ginge ihn das alles nichts an.

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23.12.2006 - Verlorene Weihnachten -22-

    Diese letzte Woche vor Weihnachten brachte Sabina an den Rand der Verzweiflung. Mehr als einmal fragte sie sich, wie sie in all das hinein geraten war und warum sie, ausgerechnet sie, die sich seit Jahren nicht um Weihnachten geschert hatte, jetzt in solchem Weihnachtsstress steckte. Sie musste sich immer wieder in Erinnerung rufen, warum und für wen sie das alles auf sich nahm, um nicht aufzugeben. Es hieß doch immer, es gehe bei Weihnachten darum, etwas für andere Menschen zu tun. Wenn Sabina jedoch betrachtete, was sie für diese Feier erduldete, fragte sie sich wirklich, was dann an Weihnachten so toll sein sollte.

    Während der Arbeit sprach Lisa Sabina immer wieder auf die Planung der Feier, das Essen, die Deko und alles mögliche andere an. Es war wirklich ein Segen, dass sie so wenig zu tun hatten. Zwischendurch telefonierte Sabina mit Hauke, damit sie beide auf dem selben Stand waren und überhaupt zerbrach sich Sabina ständig den Kopf darüber, wie alles ablaufen sollte. Sollte es eine Art Programm geben, mit Liedersingen und Weihnachtsgeschichte lesen, vielleicht auch mit einigen Spielen? Sollten alle Gäste Namensschilder bekommen, damit die Atmosphäre nicht so anonym war oder wäre das vielen Gästen unangenehm? Wie genau sollte die Geschenkeverteilung erfolgen? Wie viele Leute würden überhaupt kommen und was, wenn nicht genug Geschenke da waren?

    Sabina hatte ihren ganz eigenen Adventskalender aufgestellt. Eigentlich war es mehr eine Art Countdown, manchmal kam es ihr selber vor, wie die Strichliste eines Gefangenen.

    Dienstag, noch vier Tage bis Heiligabend.

    Obwohl die Zettel erst seit Montagabend überall im Viertel hingen, hatten sich schon viele Menschen bei der Kirche erkundigt, wie genau das aussehen sollte und ob womöglich nur Gemeindemitglieder oder nur getaufte Christen kommen durften. Hauke war ganz begeistert von der Resonanz und stürzte sich jetzt, da der Pastor wieder genesen war, völlig in dieses Projekt.

    Lisa hingegen stand an diesem Tag kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Sie hatte am Abend ein Gericht für das Buffet vorbereiten wollen, für das ganz viel Gemüse klein geschnitten werden musste. Dabei hatte sie vergessen, dass ihr Mann Markus an diesem Abend Weihnachtsfeier im Sportverein hatte. Allein konnte sie die Schnibbelei nicht bewältigen und das Gericht erst am nächsten Tag anzugehen, hätte ihren ganzen Zeitplan durcheinander gebracht. Das war genau das, was Sabina befürchtet hatte: Lisa steigerte sich zu sehr in alles rein und drohte an ihrem eigenen Perfektionismus zu scheitern. Um das Schlimmste abzuwenden, willigte Sabina ein am Abend zu Lisa zu kommen und ihr zu helfen.

    Als sie danach endlich zu hause war, war Sabina so müde, dass sie sich am liebsten gleich in Klamotten ins Bett gelegt hätte.

    Mittwoch, noch drei Tage bis Heiligabend.

    Hauke rief Sabina mehrmals am Tag an, um verschiedenes zu klären und immer wieder hatte er noch eine Kleinigkeit vergessen. Und auch, wenn sie nur noch wenig Arbeit zu erledigen hatte, lenkte das ständige Telefonieren und Planen des Heiligabend sie doch gewaltig von dem, was noch zu erledigen war, ab. Als Hauke kurz vor ihrer Mittagspause wieder anrief schlug sie ihm daher vor, sie könne doch nach Feierabend zu ihm kommen, die beiden könnten sich Pizza bestellen (das hatte sie in den letzten Wochen gar nicht mehr gemacht) und dann in Ruhe und von Angesicht zu Angesicht alles besprechen. Den Nachmittag über holte Sabina dann die liegen gebliebene Arbeit auf. Lisa zog sie natürlich auf, sie habe ein Date und sie müsse am nächsten Tag alles erzählen und solle ja brav sein. Sabinas Bauch reagierte mit einem seltsamen Kitzeln, ihr Kopf war aber viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als dass er darauf geachtet hätte und so tat sie Lisas Bemerkung wie üblich ab.     In der Tat redeten Hauke und Sabina am Abend nicht über private Dinge, sondern fast ausschließlich über das Fest. Zwischendurch erzählte Hauke Sabina noch, was er für Torben und seine Mutter bei den Behörden und sogar bei den Versicherungen erreicht hatte. Man würde ihr nun endlich Geld auszahlen und die Krankenhausrechnungen begleichen, so dass wenigstens diese materielle Last von der Familie genommen war. Außerdem hatte Hauke sich die Zeit genommen, Torbens Mutter im Krankenhaus bei ihrem Mann zu besuchen und ihr ganz gezielt eine Aussprache angeboten. Natürlich schwieg Hauke über den Inhalt dieses Gesprächs, aber er deutete an, dass diese Frau wirklich allein vor ihren Problemen gestanden und alles in sich hineingefressen hatte.

    Am Ende des Abends hatten sie sich auf ein kleines weihnachtliches Programm für die Feier geeinigt, das nicht zu sehr von christlichen Traditionen geprägt sein sollte. Vieles wollten sie vorschlagen und die Umsetzung von den Interessen der Gäste abhängig machen. Hauke würde tatsächlich als Weihnachtsmann die Geschenke verteilen und hatte aus den allgemeinen Gaben, die über die Kirche verteilt werden sollten eine Art eiserne Reserve gebildet und für die Zuteilung war ihnen auch etwas eingefallen. Die Idee mit den Namensschildern gegen die Anonymität fand Hauke großartig und Sabina ließ sich wieder ein wenig von seiner Begeisterung anstecken und vergaß für eine Weile die Anstrengungen.

    Als sie wieder in ihrer Wohnung war putzte sie sich nur noch die Zähne und zog sich bereits im Bett liegend noch halbwegs aus. Sie würde zwar am nächsten Morgen über die Klamotten vor ihrem Bett stolpern, aber das war ihr während sie einschlief völlig egal.

    Donnerstag, noch zwei Tage bis Heiligabend.

    Sabina war unausgeschlafen, müde und gereizt und besprach nur widerwillig die Details der Feier und Organisation mit Lisa. Aber sie wusste, dass es nicht anders ging, dass Lisa, ihr umfangreiches Buffet, ihre Dekorationsideen und ihre Bereitschaft schon Stunden vorher in die Kirche zu kommen und alles mit herzurichten einen der Pfeiler ihres Plans bildeten. Sabina bemühte sich daher wirklich und bis zum Mittag war ihre Laune wieder erträglich und die Absprachen mit Lisa wurden eindeutig zu Papier gebracht.

    Nach Feierabend in ihrer Wohnung freute sich Sabina eigentlich nur auf Ruhe und Schlaf. Damit war es jedoch vorbei, als Torben an der Wohnungstür klingelte. „Hallo. Wir müssen ja noch die Ketten einpacken. Hast Du jetzt Zeit dafür?“ Fast hätte Sabina nein gesagt, aber wann hätte sie sich die Zeit sonst nehmen sollen? Sie hatte das Einpacken regelrecht vergessen. Also saß sie relativ lange mit Torben an ihrem niedrigen Wohnzimmertisch und bastelte kleine Tütchen für die Ketten und Armbänder. Torben plauderte munter über die letzten Tage in der Schule und die anstehende Weihnachtsfeier in der Kirche, zu der er seine Mutter hatte überreden können. ‚Wenigstens hat das schon mal geklappt.’ dachte Sabina. Schließlich veranstaltete sie den Zauber hauptsächlich für Torben.

    Als Torben gegangen war und Sabina das nötigste aufgeräumt hatte, viel sie ins Bett, wie sie war und schlief, noch bevor sie mit dem Kopf das Kissen berührte.

    Freitag, noch ein Tag bis Heiligabend.

    Am Morgen faxte Hauke ihr eine Liste ins Büro. Es hatten schon sehr viele Leute nach der Weihnachtsfeier gefragt. Darunter waren auch viele Ältere, die gerne kommen wollten, aber nicht mehr mobil genug waren, allein auf den teils glatten Wegen zur Kirche zu kommen. Es gab aber auch junge Leute, die die Idee toll fanden und anboten, noch kurzfristig zu helfen. Sabina verbrachte fast den ganzen Tag damit, die Adressen zu erfragen, abzugleichen, wer in wessen Nähe wohnte und dann Fahr- oder Laufgemeinschaften zu arrangieren. Dabei musste sie auch noch berücksichtigen, wer vorher schon am Gottesdienst teilnehmen wollte und wer erst zur Feier kam, wer größere Gegenstände zu transportieren hatte und wer diesen Transport gewährleisten konnte. Das ganze gestaltete sich ziemlich kompliziert und langwierig und die Gespräche mit den älteren Menschen erwiesen sich in verschiedener Hinsicht als anstrengend, vor allem, weil viele bereits schwerhörig waren. Die Arbeit, die an diesem letzten Tag vor den Feiertagen noch anfiel, übernahm Lisa alleine und war damit auch gut beschäftigt. Am frühen Nachmittag konnte Sabina erleichtert bei Hauke anrufen und ihm mitteilen, dass alle, die kommen wollten, auch kommen konnten.

         Abends in ihrer Wohnung blieb das zweites Wurstbrot zur Hälfte ungegessen. Der Nachrichtensprecher verlas das Wetter in diesem Wohnzimmer ohne Publikum. Sabina war auf dem Sofa eingeschlafen.

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21.12.2006 - Verlorene Weihnachten -21-

    Am Montag war von der weißen Pracht, die die Stadt so herrlich geschmückt hatte, leider nicht mehr übrig geblieben, als ein paar matschige graue Haufen. Sabina hoffte, dass es bis Heiligabend noch mehr Schnee geben würde, irgendwie verlief dann alles etwas besinnlicher.

    Bei der Arbeit kehrte langsam die Weihnachtsruhe ein. Nur einige Kollegen verfielen in Hektik, weil sie ihre Ablage das ganze Jahr über nicht in Ordnung hielten und nun zum Jahresabschluss alles auf Vordermann bringen musste. Bei Sabina und Lisa im Büro blieb alles ruhig. Sie halfen den anderen mit Büromaterialien aus und erledigten die wenigen Alltagsaufgaben, die noch anfielen. Lisa hatte am Morgen die Keksdose noch einmal aufgefüllt. „Markus und ich haben das ganze Wochenende gebacken.“ mümmelte sie heraus, während sie einen Zimtstern aß. „Bei dem schönen Wetter wart ihr nicht draußen?! Da habt ihr echt was verpasst, es war einfach herrlich.“ „Na, aber für Samstag brauchen wir doch genug zu knabbern. Was für ein Heiligabend wäre das denn, wenn es keine selbstgebackenen Kekse gäbe?“ Es war unüberhörbar, dass diese Sache für Lisa eine Frage der Ehre war.

    „Natürlich ist es toll, wenn wir da viele Kekse haben, vor allem so leckere wie Eure. Aber eigentlich war die Idee, dass jeder eine Kleinigkeit mitbringt. Du musst nicht alleine das ganze Fest versorgen.“ „Es macht mir aber richtig Spaß! Ich hab schon ganz viel vorbereitet. Was ist denn jetzt eigentlich mit der Küche? Gibt’s da eine und dürfen wir da rein?“ „Ja. Aber bitte Lisa, so schön das alles ist, übertreib es nicht.“ „Ich geb mir Mühe. Aber es ist ein wirklich schönes Gefühl, das man Menschen damit eine Freude machen kann. Und ich kann ganz viele Rezepte ausprobieren, die für Markus und mich immer zu aufwendig waren. Verdirb mir nicht den Spaß, okay?“ „Will ich doch gar nicht. Ich will nur nicht, dass Du es übertreibst.“

    Lisa zog eine Schnute und wechselte das Thema. „Was hast Du denn so am Wochenende gemacht?“ „Och, nichts besonderes.“ Sabina wollte den Moment auskosten und bereitete ihn gründlich vor. „Ich war nur mit Hauke und Christmas im Wald. Wir haben Weihnachtsbäume ausgesucht und selber geschlagen, auch den für die Kirche; also den natürlich nur ausgesucht, der hätte uns ja erschlagen. Der wird Dir gefallen. Der sieht schon ungeschmückt wunderbar aus und Du kannst ihn in ein Kunstwerk verwandeln.“

    Lisa sagte erstmal gar nichts und das wollte schon etwas heißen. Sie sah Sabina nur mit leicht offen stehendem Mund an. Irgendwann fand sie ihre Sprache wieder. „Du warst mit Hauke, bei diesem romantischen Wetter im Wald spazieren und ihr habt zusammen Weihnachtsbäume ausgesucht und er hat sie selber geschlagen.“ Sie sagte das alles ganz langsam und ruhig, so als könnte sie es noch gar nicht glauben. Dann brach der Damm. „Und das nennst Du ‚nichts besonderes’?!?“ Sabina musste schmunzeln. Das war ziemlich genau die Reaktion, die sie erwartet hatte. „Wir waren nur zusammen im Wald spazieren. Die meiste Zeit war auch noch der Förster bei uns. Also bitte. Er dachte, es könnte mir gefallen, bei dem Wetter draußen zu sein und es war auch wirklich toll. Es sah fast aus, wie in einem Märchenwald.“

    Lisa hatte ihre Fassung wieder gefunden. „Das wird noch was mit Euch zweien, ich hab das im Gefühl. Ihr habt Euch so schnell aneinander gewöhnt, das muss einfach was ganz besonderes werden. Und Deine Augen leuchten immer so, wenn Du von ihm erzählst.“ „Gar nicht wahr!“ viel Sabina ihr ins Wort. Jetzt war es an Lisa, zu schmunzeln. „Gib doch zu, dass Du Dich verguckt hast. Was ist denn schon dabei? Er scheint doch ein wirklich netter und anständiger Kerl zu sein.“ Sabina schwieg. Sie hatte mit einem Mal das seltsame Gefühl, Lisa könnte vielleicht Recht haben und sie wusste noch nicht, was sie davon halten sollte.

    Da sie heute so wenig zu tun hatten, nutzten die beiden den Büro-PC, um ein Plakat zu entwerfen, dass die Menschen in Sabinas Viertel auf den speziellen Heiligabend aufmerksam machen sollte. In die Mitte platzierten sie einen geschmückten Baum mit einem lachenden Weihnachtsmann davor. Darüber schrieben sie einen möglichst überzeugenden Einladungstext, der die Leute aus ihrer Einsamkeit locken sollte und unter den Baum, schrieben sie alle Informationen. Sie probierten mehrere Schrifttypen aus und entschieden sich am Ende für eine schlichte, die auch ältere Menschen gut lesen konnten. Schließlich wollten sie die besonders ansprechen.

    Als das Plakat fertig war, folgte Sabina einer spontanen Eingebung und ging damit ins Büro ihres Chefs. „Ach, guten Tag Frau Dornfeld. Was kann ich für Sie tun?“ „Ich wollte Sie fragen, ob Sie eine gemeinnützige Aktion unterstützen würden.“ „Nun, im Prinzip schon, aber es hängt doch davon ab, was Sie von mir erwarten.“ Sabina legte ihm den Plakatsentwurf auf den Tisch. „Wir machen eine Feier an Heiligabend, für alle in unserem Viertel, die alleine wären oder sich Weihnachten nicht leisten können. Die Kirche stellt uns die Räumlichkeiten zur Verfügung. Jetzt müssen wir die Menschen nur noch einladen. Dafür haben wir dieses Plakat entworfen und es wäre nett, wenn wir das hier in der Firma vervielfältigen könnten.“ Der Chef las sich das Plakat aufmerksam durch. „Das klingt doch mal nach einer wirklich schönen Sache. Gute, alte, einfache Nachbarschaftshilfe, das lob ich mir. Gehen sie ruhig kopieren. Wie viele brauchen Sie? Vielleicht 60/70 in DIN A 3 und noch mal 150 in DIN A 4, denken Sie, das reicht?“ Sabina war ganz verdutzt. Sie hatte sich noch gar keine konkreten Zahlen überlegt. „Eh, ja, ich denke, damit sollten wir locker hinkommen.“ So ganz traute sie dem ganzen noch nicht. Konnte ja auch sein, dass er sie nur veräppelte und die ganze Idee albern fand. „Gut. Dann machen Sie das so. Gehen Sie damit ruhig runter in die Druckabteilung, da ist die Qualität besser. Die Kollegen, sollen das auf meinem Konto notieren, hier haben sie eine entsprechende Notiz.“ Er gab ihr den Plakatsentwurf und einen kleinen Zettel zurück. Sabina wusste gar nicht, was sie dazu sagen sollte. „Dankeschön“ war alles, was ihr einfiel. Als sie schon fast aus dem Büro raus war sagte ihr Chef „Und lassen sie sich ein paar Rollen Tesafilm geben.“ „Wie bitte?“ Irgendwie kam Sabina gerade nicht mit. „Na Sie müssen die Zettel doch auch an die Wände bringen, dafür eignet sich Tesafilm.“ Er lächelte sie an, do dass sie nicht länger befürchtete, er würde sie veräppeln. „Daran hatte ich noch nicht gedacht. Vielen Dank.“ „Viel Erfolg mit Ihrem Projekt.“

    Sabina ging erstmal zurück in ihr Büro und ließ sich auf den Stuhl fallen. Lisa wollte natürlich hören, was passiert war und Sabina erzählte es ihr. „Das hast Du nicht wirklich gemacht?! Du hast einfach den Chef gefragt? Und der hat gesagt ‚Klar machen Sie mal und vergessen Sie das Tesafilm nicht.’ und jetzt darfst Du das hier in Unmengen kopieren?“ „So sieht’s aus. Jetzt brauchen wir aber auch noch genug Leute, die uns beim Aufhängen helfen. Das soll ja nicht umsonst kopiert sein.“ „Geh du mal runter und mach die Abzüge, ich frag bei den Kollegen rum, wer heute Abend ein bisschen Zeit hätte. Das wäre doch gelacht.“

    In der Druckabteilung traf Sabina auf die Chefsekretärin. Sie offenbar auf der Suche nach jemandem, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen konnte. Sie angelte sich das oberste Blatt von Sabinas Stapel und studierte es eingehend. „Na wenn das mal keine Privatkopien sind. So was ist verboten. Dafür kann man Dir kündigen. Wenn das der Chef wüsste…“ Ihr drohender Tonfall war mit subtil absolut schlecht umschrieben. „Denk mal an, das kümmert mich nicht.“ Sabina hatte keine Lust, auf die Spielchen dieser Miesmacherin einzugehen. „Na das werden wir ja sehen!“ schnaubte die Sekretärin verächtlich und zum Angestellten der Abteilung gewandt blaffte sie: „Stoppen sie diesen Auftrag. Das muss erst der Chef absegnen.“ Der junge Mann war sichtlich irritiert. „Wieso denn absegnen? Der Auftrag kommt doch vom Chef. Hier ist die Anweisung. Steht alles ganz genau drauf und ist seine Handschrift. Außerdem ist das eh schon alles fertig.“ Er legte den zweiten Stapel Kopien vor Sabina hin und packte ihr ein Paket Tesafilmrollen oben drauf. „Klingt nach `ner schönen Idee, was Sie da vor haben. Viel Spaß dabei und frohes Fest.“ „Danke, wünsche ich Ihnen auch.“ Die Sekretärin schien zur Salzsäule erstarrt und bekam ihren Mund nicht mehr zu. Sabina nahm einen Zettel und drückte ihn ihr in die Hand. „Da, falls Dich Deine eigene Laune an Weihnachten annervt, kannst Du ja mal vorbeischauen.“ Damit verließ Sie den Raum und ging wieder hinauf in ihr Büro.

    Als sie Lisa von der Begegnung erzählte, amüsierten die beiden sich köstlich. Lisa war es natürlich gelungen, einige der alleinstehenden Kollegen zu überreden, dass sie heute Abend beim Plakatieren halfen und der arme Markus war auch schon eingespannt.

         Alles lief wie geschmiert und Sabina war mit sich und der Welt im Reinen.

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20.12.2006 - Verlorene Weihnachten -20-

    Am darauf folgenden Samstag klingelte es völlig unerwartet bei Sabina. Sie hatte es sich mit einem Becher Tee auf dem Sofa gemütlich gemacht und wollte den Tag eigentlich mit Faulenzen verbringen. Aber da es schon wenige Sekunden später erneut klingelte, schlurfte sie etwas unwillig zur Tür. „Ist ja gut, ich komm ja.“ (Als wenn das der Mensch drei Stockwerke tiefer hören könnte.) Sie drückte die Taste der Gegensprechanlage. „Ja bitte?“ „Hey, willst Du mit uns `nen Weihnachtsbaum schlagen gehen?“ „Hauke?“ „Ja. Was ist nun? Willst Du mit?“

    Sabina war völlig überrumpelt. „Eh, ja, Moment, ich komm gleich. Muss mir nur schnell was Warmes anziehen.“ Sie tauschte ihren Jogginganzug in Windeseile gegen warme Kordhosen und einen dicken Rollkragenpulli. Nach den Thermosocken schlüpfte sie in ihre Winterstiefel und kramte Schal, Mütze und Handschuhe aus der Kommode. Sie versuchte, noch einen Schluck Tee zu trinken, doch dabei verbrühte sie sich beinah die Zunge. Als sie die Tür hinter sich zuzog, war sie gerade erst mit einem Arm in der Jacke.

    Unten angekommen, atmete Sabina erst einmal tief die herrliche Luft ein. Kalt und klar. Schneeluft. Es hatte doch tatsächlich geschneit. Freitag Mittag, pünktlich zum Schulschluss waren dicke weiße Flocken vom Himmel gesegelt. Auf dem Weg von der Arbeit hatte Sabina mit zweierlei zu kämpfen gehabt: Zum einen waren die Straßen und Wege unglaublich glitschig geworden, zum Anderen waren ihr ständig Kinder vors Rad gesprungen, die die Gelegenheit ergriffen hatten, eine Schneeballschlacht zu veranstalten.

    Es hatte scheinbar die ganze Nacht durch geschneit, jedenfalls lag heute alles unter einer dicken Schicht begraben. Die Sonne schien, so dass alle Flächen glitzerten und funkelten. Es war immer wieder erstaunlich, wie sehr so ein bisschen gefrorenes Wasser die Welt verändern und schmücken konnte. Ob die Pracht bis Heiligabend halten würde, stand auf einem anderen Blatt.

     Bevor Sabina Hauke begrüßen konnte, kam ein völlig durchgedrehter Christmas auf sie zu und sprang an ihr hoch. Überall in seinem Fell klebte Schnee und ein Blick auf die Fläche vor dem Haus verriet Sabina auch warum: Christmas hatte das kleine Feld regelrecht umgepflügt. „Hatte ich erwähnt, dass mein Hund Schneekrank ist?“ „Was ist denn Schneekrankheit?“ „Siehst Du doch. Sobald Schnee liegt, dreht er völlig ab. Der Hund ist nicht mehr zurechnungsfähig.“ „Aber immer noch sehr liebenswürdig und amüsant.“ ergriff Sabina die Verteidigerrolle. Darauf wusste Hauke scheinbar keine Antwort. „Na kommt ihr zwei. Wir müssen einen Baum aussuchen.“

    Als sie im Auto saßen und Richtung Stadtgrenze fuhren fragte Sabina: „Warum fahren wir einen Baum schlagen?“ „Weil das zu Weihnachten Tradition ist.“ „Aber heute schlägt doch kaum einer seinen Baum selber, die gibt’s doch überall zu kaufen.“ „Aber keinen, der groß genug für die Kirche wäre. Den Pastor hat die Grippe erwischt, sonst macht er das immer selber. Dieses Jahr habe ich nun die Ehre. Und ich dachte mir, Du möchtest vielleicht aussuchen helfen.“ Sabina drehte sich skeptisch zur Rückbank um. „Du hast zwar `nen Kombi…, aber meinst Du nicht, dass das etwas eng werden könnte?“ Hauke lachte. „Den großen Baum nehmen wir nicht selber mit. Das geht gar nicht. Für den braucht es auch Profis um den aufzustellen. Aber es gibt da auch kleinere Bäume, die man sich dann selber schlagen kann und die dadurch billiger sind, als an den Christbaumständen. Für zu hause.“ „Ich hatte in meiner Wohnung noch nie einen Weihnachtsbaum.“ „Echt nicht?! Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Da fehlt doch was.“ „Hab ich bisher nie so empfunden. Mal sehen, vielleicht ja dieses Jahr.“

    Sie parkten an einem kleinen Wald, wo schon mehrere Wagen standen und die ersten Familien bereits ihre Beute zu verstauen versuchten. Der Förster wartete schon auf sie. Die großen Bäume konnte man nicht einfach so aussuchen und fällen, da musste vieles bedacht werden, wie Sabina schnell merkte. Stützte der Baum einen anderen oder waren zwei so in einander verwachsen, dass man den zweiten gleich mit umriss, konnte der Baum in eine Richtung problemlos umfallen oder erschlug er dabei andere, kleinere Bäume? Für all diese Dinge brauchte es das Auge des Fachmanns.

    Sie stapften durch den verschneiten Wald, fernab der Wege und Sabina war mehr als froh, dass der Förster bei ihnen war. Es war zwar noch hell, aber den Weg hätte sie wahrscheinlich trotzdem nicht mehr gefunden. Es sah alles so gleich aus. Nach einer knappen Stunde hatten sie drei Bäume gesehen, die ihnen gefielen, die die richtige Größe hatten und die man fällen konnte. Während Christmas nach wie vor herumtobte, an allem schnüffelte und Bäume markierte, fing Sabina an zu frieren und die Lust zu verlieren. Der Förster war ein Stück voraus gegangen und Hauke nahm gerade eine Gruppe größerer Tannen zu ihrer Linken in Augenschein, als Sabina weiter rechts eine Art natürlicher Lichtung entdeckte. Die Sonne stand schon tief aber ihr Licht viel malerisch durch die Zweige und sammelte sich dort.

    Sabina folgte dem Licht und … da stand er!

Der perfekte Weihnachtsbaum. Er war groß, gerade und zu allen Seiten voll gewachsen. Sabina ging fast ehrfürchtig um ihn herum. Solche Bäume kannte sie nur aus amerikanischen Filmen und da wirkten sie einfach nur künstlich. Aber dieser hier war genauso gewachsen und er war perfekt. Christmas war ihr gefolgt und schien ihrer Meinung zu sein. Er blieb mitten in der Lichtung stehen und sah nach oben. Dann lief er unter die tief hängenden Zweige und schnupperte am Stamm. Der Baum fand seine Zustimmung und wurde markiert. Sabina hatte ihre Wanderung um den Baum abgeschlossen und stand nun einfach nur da. Die Kälte spürte sie nicht mehr. Christmas setzte sich neben sie und bellte einmal kurz.

    Hauke bahnte sich seinen Weg auf die Lichtung und kraulte seinen Vierbeiner am Kopf. „Na, Ihr zwei. Was habt Ihr denn schönes gefunden?“ „Sie’s Dir an.“ war Sabinas schlichte Antwort, bei der sie auf den Baum deutete. „Wow.“ Danach wiederholte Hauke den gang, den schon Sabina gegangen war und als er wieder neben ihr stand wiederholte er „Wow“. Die Beiden sahen sich an und der Fall war entschieden. Der und kein anderer würde in ihrer Kirche und auf ihrer Weihnachtsfeier stehen. Der Förster markierte den Baum mit einem farbigen Band und vermerkte ihn in seinen Unterlagen, so dass er pünktlich zum Fest an Ort und Stelle sein würde.

    Wieder auf dem Hauptweg angekommen, wies ihnen der Förster die Richtung zum Bereich mit kleinen Bäumen für Privathaushalte und ging dann seiner Wege und seiner Arbeit nach. Sabina und Hauke schlenderten langsam und schweigend zurück. Der Anblick eines so herrlichen Baums, geschmückt mit dem frischen Schnee, der im Licht der untergehenden Sonne leuchtete hatte etwas erhabenes, was man nicht so leicht vergaß.

    Erst, als sie das Getümmel am Parkplatz schon sehen konnten, ergriff Sabina das Wort. „Jetzt will ich auch einen Baum, für meine Wohnung. Auch wenn er nicht so perfekt ist, aber jetzt will ich auch einen.“ Hauke lächelte sie an. „Wusste ich’s doch, dass irgendwo in Dir eine Weihnachtsromantikerin steckt. Und ausgerechnet ein Baum hat dich bekehrt.“ „Ach, jetzt veräppel mich doch nicht. Lass uns lieber einen Baum suchen.“ Sie fanden zwei schöne kleine Bäumchen, für ihre Wohnzimmer und die waren auch klein genug, um in Haukes Kombi zu passen.

    Wieder zu hause trug Hauke Sabinas Baum noch hinauf in ihre Wohnung und lehnte ihn auf dem Balkon in die Ecke. Sabina setzte in der Zwischenzeit Teewasser auf und die beiden saßen noch ein bisschen zusammen, aßen Kekse und unterhielten sich über die Vorbereitungen für die Feier und Torben und seine Mutter. Hauke hatte natürlich Wort gehalten und erst mit Torbens Mutter und dann mit den Behörden gesprochen. Es gab noch keine Ergebnisse, aber wenigstens redete jetzt jemand mit ihnen und bemühte sich um eine Lösung. Dann musste Hauke leider gehen, weil er noch die Predigt für den nächsten Tag vorbereiten wollte. Er musste den erkrankten Pastor ja nicht nur im Wald vertreten.

         Sabina saß danach noch eine Weile mit ihrem Teebecher auf dem Sofa, betrachtete ihren kleinen Baum auf dem Balkon und dachte an den wunderschönen, majestätischen Baum auf seiner Lichtung.

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Hier gibt es vom 1. bis zum 24. Dezember jeden Tag ein neues Kapitel einer von mir geschriebenen Geschichte zu lesen; wie bei einem Adventskalender. Viel Spaß damit!

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