24.12.2006 - Verlorene Weihnachten -24-
So Leute, ich war Euch noch ein Kapitel schuldig. Tut mir leid, dass ich in den letzten Tagen etwas hinterhergehangen hab, aber auch ich bin vor Weihnachtsstress nicht gefeit. Ich hoffe, ich habe einigen den Dezember ein wenig versüßt und in diesem letzten, richtig langen Kapitel findet jeder, was ihm noch gefehlt hat. Ich wünsche Euch allen noch fröhliche Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Das wars von mir, machts gut.
24. Dezember
Irgendwie wurden sie fertig.
Sabina wusste
zwar nicht genau, wie sie das geschafft hatten, aber als die Glocken läuteten
und die Menschen zum Gottesdienst riefen, war alles, wie und wo es sein sollte.
Sabina öffnete zusammen mit Hauke die beiden
schweren Türflügel des Kirchenportals. Sie trat hinaus und sah in den Himmel.
Es war schon dunkel, aber weder der Mond noch ein einziger Stern waren zu
sehen. Die dicke Wolkendecke hatte sich über den Tag gehalten. ‚Wenigstens
regnet es nicht.’ dachte Sabina und atmete tief die frische Luft ein. Kalt war
es geworden, wesentlich kälter als am Morgen. Sie schlang die Arme um sich und
ging wieder zur Tür.
Plötzlich bekam sie etwas auf die Nase. Es
war feucht und kalt, aber es fühlte sich nicht nach einem Regentropfen an. Sie
sah nach oben und drehte sich noch einmal um, um ein größeres Stück des Himmels
zu sehen. Es war kaum zu glauben, aber überall rieselten dicke, weiße Flocken
langsam zur Erde herab. Es schneite, es schneite tatsächlich, an Heiligabend,
pünktlich zum Kirchgang. Weihnachten war schon was wunderbares! Die Menschen,
die den Weg zur Kirche entlang kamen gingen langsamer und sahen nach oben. Sie
streckten die Hände aus und besahen sich ungläubig die kleinen Kunstwerke, die
da in ihren Händen schmolzen. Die Kinder liefen umher und versuchten genug
Schnee für einen Schneeball zu fangen oder sie probierten, wie Schnee schmeckt.
Die Flocken blieben in Zweigen hängen und
funkelten, wenn ein leichter Wind sie bewegte. Der Weg war schnell von einer
dünnen, glitzernden Schicht überzogen und zwang die Menschen, vorsichtiger zu
gehen. Hauke hatte gleich einen großen Eimer Sand geholt und streute damit den
Weg. Das braun-weiße Gemisch sah zwar nicht ganz so gut aus, aber Stürze sollte
es natürlich auch nicht geben. Der Schneefall wurde rasch dichter und mauserte
sich bis zum Beginn des Gottesdienst zu regelrechtem Schneetreiben.
Sabina und Lisa hatten sich Plätze ganz
hinten in der Kirche gesucht und sahen zu, wie sich die Reihen nach und nach
füllten. Christmas hatte zwischen ihren Beinen Zuflucht gesucht. Bei all den
vielen Füßen, die hierhin und dorthin gingen, um Bekannte zu begrüßen, hatte er
wohl Angst getreten zu werden. Markus kam auch und setzte sich zu ihnen. Er
hatte vorher noch einige Stunden die Rufbereitschaft in seiner Firma
übernommen. Aber sehr zu seiner Freude, hatten die elektronischen Anlagen, die
sie betreuten, wohl gemerkt, dass Heiligabend war und keine Probleme und
Ausfälle verursacht. Er blätterte entspannt im Gesangbuch und markierte schon
mal die ersten beiden Lieder, die gesungen werden sollten.
Der Gottesdienst begann und bot alles, was
man nur erwarten konnte. Der Organist wurde von einer Trompete begleitet, der
Gemeindechor sang, ebenso ein Engelschor aus kleinen Kindern. Die konnten zwar
kaum auf den Text achten, weil sie so beschäftigt waren ihre Kerzen gerade zu
halten, aber der Sopran des Gemeindechors rettete die Grundmelodie, so dass am
Ende alle wussten, welchem Lied sie applaudierten. Die Konfirmanden führten das
Krippenspiel auf und der Engelschor kam (diesmal ohne Kerzen) auch noch mal zu
gesanglichem Einsatz. Die Predigt war locker und amüsant formuliert und
befasste sich mit Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Am Ende lud der Pastor
noch einmal ganz herzlich zur anschließenden Feier ein.
Nach dem Gottesdienst zog die Gemeinde unter
Glockengeläut und einem vielstimmigen „Oh, du fröhliche“ aus der Kirche hinaus
in den Schnee. Es hatte zwar nachgelassen, aber die gute Stunde hatte gereicht,
um eine mehrere Zentimeter dicke Decke über alles zu legen. Zwei junge Männer
griffen sich spontan die Schneeschieber von der Wand und schoben einen Pfad
frei, Markus ging mit dem Besen hinterher und weil Hauke an der Tür mit Händeschütteln
beschäftigt war, suchte und fand Sabina den Eimer mit Sand. Lisa war derweil
schon wieder in die Küche verschwunden.
Stattdessen kam Torben angelaufen und half Sabina
beim Sandstreuen. „Wir währen fast zu spät gekommen, weil wir noch so lange bei
Papa waren. Aber wir haben gerade noch einen Platz am Rand gefunden. Die
kleinen Engel, die ihren Text gar nicht richtig konnten fand ich lustig und der
Baum sieht so toll aus. Und ist es nicht toll, dass es schneit?! Und ich bin so
gespannt was Mama zu ihrem Geschenk sagt, wenn doch nur schon Bescherung wäre!“
plapperte er aufgeregt und ohne richtig Luft zu holen drauf los. Sabina musste
über seine Aufregung lachen. „Nun beruhige dich mal und vergiss das Atmen
nicht. Die Bescherung kommt noch früh genug und ganz von alleine. Jetzt müssen
wir drinnen erstmal umräumen und dann gibt es was zu essen und dann sehen wir
weiter.“
Die beiden gingen in die Kirche und trafen
dort auf Torbens Mutter. „Ach Torben, da bist Du abgeblieben.“ Sie strich
Torben durch die Haare und lächelte dann Sabina an. „Ich bin Meike.“ sagte sie
und hielt ihr die Hand entgegen. Sie wirkte weniger angespannt als bei ihrer
letzten Begegnung. Sabina ergriff ihre Hand und stellte sich ebenfalls vor.
„Ich weiß, wer sie sind.“ sagte Torbens Mutter. „Torben redet viel von Ihnen
und auch dieser nette junge Vikar hat Sie erwähnt. Ich möchte Ihnen von Herzen
für alles was Sie getan haben danken.“ „Ach, das war doch eigentlich gar
nichts.“ tat Sabina den Dank ab. Es war ihr unangenehm, dass ihre kleinen
Anflüge von Mildtätigkeit plötzlich so groß wirkten. Meike sah ihr tief und
fest in die Augen. „Für uns haben Sie sehr viel getan. Sie haben für meinen Jungen
Weihnachten gerettet und uns ein Licht gezeigt. Das ist mehr als viele andere
getan haben.“
Zu Sabinas Glück war auch Meike keine Frau
von Sentimentalitäten. Ihre nächsten Worte waren: „Wo kann ich helfen, was muss
getan werden?“ Sabina erklärte ihr, wie die Stühle und einige Tische angeordnet
werden sollten und die beiden machten sich mit einigen anderen ans Werk. Es war
praktisch, dass die Kirche keine Bänke, sondern Stuhlreihen hatte. An einer
Wand der Kirche bauten sie eine lange Reihe Tische für das Buffet auf und noch
während sie am einen Ende herumrückten fing Lisa an, das andere Ende voll zu
stellen. Auch die Gäste platzierten ihre mitgebrachten Speisen. Lisa ließ sich
von jedem erzählen, was der eigentlich hatte und stellte dann kleine Schilder
an die Schüsseln und Platten, so dass jeder wusste, was er sich da auftat.
Die Gäste klebten sich ohne Widerspruch ihre
Namensschilder auf die Brust und schon das Herrichten der Kirche wurde ein
großer Spaß für alle. Die Wegepartnerschaft, die Sabina organisiert hatte,
funktionierte offenbar gut, jedenfalls blieb ihr Handy, das sie vorsichtshalber
in der Tasche hatte, stumm. Auch das Zettelsystem für die Geschenke
funktionierte wie erhofft. Markus hatte sich am Baum postiert, erklärte die
Idee und half den Leuten damit. Mehr und mehr Päckchen lagen dort und stapelten
sich bereits, als Sabina Gelegenheit fand ihre Geschenke dazu zu packen. Außer
dem Buch für Torben und der Kette für Lisa hatte sie ja auch noch die
Weihnachtsgeschichte eines Hundes für Hauke. Sie hatte ihm auch noch ein Kreuz
aus matt-silbernen Perlen als Schlüsselanhänger gebastelt. Da er sich aber als
Weihnachtsmann schlecht selber beschenken konnte, hatte sie einfach „Christmas“
auf das Schildchen geschrieben und auch noch einen kleinen Kauknochen für den
Vierbeiner dazugepackt.
Am Buffet versuchte Lisa gerade an einigen
Stellen Platz für Geschirr und Besteck zu schaffen. Die Tische standen voller
unterschiedlicher Gerichte und es würde schwer fallen, sich bei dieser Auswahl
zu entscheiden. Während Lisa noch schob uns rückte, holte Sabina schon einmal
den Rollwagen mit dem Geschirr herein. Die Gemeinde hatte zwar einen recht großen
Bestand in ihrem Gemeindehaus, aber der Pastor hatte sich lieber auch noch das
Geschirr der Nachbargemeinde geliehen. Und wenn Sabina sich in der Kirche so
umsah, war das auch besser so. Sie hatte niemals mit so vielen Menschen
gerechnet. Einige Gesichter kannte sie von der Straße und vom Einkaufen, andere
hatte sie noch nie gesehen. Aber nirgendwo stand oder saß jemand alleine, alle
fanden ganz selbstverständlich einen Gesprächspartner.
Sabina legte gerade einen Schwung Messer in einen kleinen Korb, als sie jemand
von der Seite ansprach. „Entschuldigung, wo soll ich das hier hinstellen? Es
ist ein Kuchen, den meine Großmutter immer zu besonderen Festen gebacken hat.“
„Die Desserts haben wir alle im hinteren Bereich des Buffets aufgebaut.“ sagte
Sabina und sah zu der Frau, die sie angesprochen hatte, auf. Sie war
überrascht. Neben ihr stand die Türkin, die im gleichen Haus wie sie, im
Erdgeschoss wohnte und die sich so schweigsam an Sabinas kleiner Nikolaus-Überraschung
für Torben beteiligt hatte. Sie hatte zwar mit einem deutlichen Akzent gesprochen,
aber es konnte keine Rede davon sein, dass sie kein Deutsch konnte. „Sie sehen
mich so überrascht an. Stimmt etwas nicht?“ „Nein, nein, es ist alles in
Ordnung.“ Sabina fühlte sich schon wieder auf dem falschen Fuß ertappt. „Ich
hatte Sie hier nicht unbedingt erwartet.“ „Weil es ein christliches Fest ist?
Es gibt auch türkische Christen, aber Sie haben Recht, ich bin Muslimin. Aber
was an Eurem Fest ist noch christlich? Und ich lebe schon so lange hier, da gehört
es irgendwie dazu.“ Sie lächelte Sabina an und ging zum Ende des Buffets, um
ihren Kuchen abzustellen. Sabina ging ihr nach. „Es gibt da noch etwas, das
mich irritiert. Ich war mir nie sicher, ob sie überhaupt Deutsch sprechen, weil
ich sie nie etwas anderes als Türkisch habe reden hören. Auch Nikolaus haben
sie nichts gesagt. Warum nicht? Wo sie unsere Sprache doch so gut sprechen.“
Die Türkin lachte. „Ich habe oft das Gefühl, viele wollen gar nicht reden. Und
wenn ich nichts sage und sie denken, ich könnte kein Deutsch, ist es leichter,
weil sie kein schlechtes Gewissen haben müssen.“ In den Worten der Türkin lag
viel Wahres. Schließlich hätte Sabina auch schon viel eher fragen, oder ein
Gespräch anfangen können. „Ich verstehe, was Sie meinen.“ sagte sie darum
langsam. „Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass Sie heute hier sind und wir
uns so endlich einmal kennen lernen. Ich bin Sabina.“ „Ich heiße Meltem“
erwiderte die andere Frau „und ich bin froh, dass Sie das hier machen. Es wird
ein schöner Abend.“ Dann ging sie hinüber zum Baum und fügte ihr Geschenk den
anderen hinzu.
Kurz darauf eröffneten der Pastor und Hauke
den Abend offiziell und wünschten allen viel Vergnügen und guten Appetit, womit
das Buffet gleich mit eröffnet war und gestürmt wurde. Hauke suchte sich einen
Weg durch die Menge herüber zu Sabina und sagte: „Bei den vielen Geschenken,
brauchen wir für die Bescherung ja ewig und das mit dem Leute kennen lernen und
passend zuteilen, können wir auch vergessen. Vielleicht lese ich die Beschreibungen
vor und frage, wer so etwas schon immer haben wollte oder so ähnlich. Mir wird
schon was einfallen.“ „Das ist gut. Ich bin nämlich völlig erschlagen von all
dem hier. Mit so vielen hatte ich nie und nimmer gerechnet!“ „Ich hatte Dir
doch gesagt, dass es viele Menschen gibt die immer, auch an Weihnachten allein
sind und sich damit nicht unbedingt wohl fühlen.“ „Stimmt. Aber hattest Du
erwartet, dass auch so viele Familien kommen, einfach, weil sie die Idee toll
finden? Ich dachte immer, Weihnachten wollen alle nur mit ihrer Verwandtschaft
zusammen sitzen.“ „Na ja, dass von denen auch so viele kommen, überrascht mich
ehrlich gesagt auch. Aber es ist doch herrlich, dass so viele Kinder hier sind.
So kommt richtig Leben in die Bude!“ Sabina lachte und musste Hauke Recht
geben. So war es wirklich viel lebendiger und amüsanter, als wenn nur
Erwachsene da gewesen wären.
Als bei allen der erste Hunger gestillt
schien, schlich sich Hauke davon und kam als Weihnachtsmann mit einem
wunderschönen Mantel und langem Rauschebart zurück. Er polterte mit schweren
Schritten durch die schwere Kirchentür und klopfte sich demonstrativ den Schnee
aus Kleidung und Bart. Neben ihm schüttelte sich Christmas, dass es nur so
bimmelte, denn Hauke hatte ihm eine Tischglocke ins Maul gegeben. Noch lustiger
war, dass Christmas einen grünen Elfenhut trug. „Hohoho“ grüßte der
Weihnachtsmann, ganz wie es sich gehörte. „Hier ist ja mächtig was los. So
viele Leute und Musik und das riecht hier so lecker. Mmm. Toll. Was feiert ihr denn?“
Alle lachten und ein kleines Mädchen antwortete schüchtern: „Na, Weihnachten
natürlich.“ „Weihnachten“ sagte Hauke „Ja das ist ja ein Zufall. Ich bin ja der
Weihnachtsmann!“ „Wissen wir!“ rief Torben durch die halbe Kirche und wieder
lachten alle. „Weihnachten, Weihnachten … Mir ist so, als ob ich irgendwas
vergessen hätte. So, als wenn ich noch irgendwas ganz dringendes erledigen
müsste. Aber was? Habt Ihr da `ne Idee?“ Diesmal traute sich ein kleiner Junge.
„Du musst doch die Geschenke verteilen.“ „Oh man, ja! Danke schön, mein
Kleiner. Das hatte ich ganz vergessen. Man wird halt auch nicht jünger, das
Gedächtnis…“ Ein etwas älteres Mädchen, das auf jeden Fall schon zur Schule
ging, zupfte Hauke am Ärmel. „Duu, Weihnachtsmann?“ „Ja?“ „Wenn Du die Geschenke
noch nicht verteilt hast, wo sind die denn dann? Du hast ja gar keinen Sack dabei.“
„Wie ‚Ich hab keinen Sack dabei’? Ich hab doch immer…“ Hauke sah hinter sich
und auf seinen Rücken und drehte sich dann ein paar Mal suchend um die eigene
Achse. „Ich hab keinen Sack dabei! Oh jemine, was machen wir denn jetzt? Wo
sind denn bloß die Geschenke abgeblieben? Christmas, warum hast Du denn nicht
aufgepasst? Du weißt doch, wie vergesslich ich bin!“ Christmas legte nur
fragend den Kopf auf die Seite und bimmelte dabei kurz mit seiner Glocke. „Na
los, Du Weihnachtsexperte! Jetzt seh mal zu, wo Du die Geschenke wiederfindest.
Los, such!“ Christmas tat, wie ihm geheißen. Er schnüffelte an Hauke und den
Gästen und überall in der Kirche, sogar unter und hinter dem Altar. Schließlich
kam er auf erstaunlichen Umwegen zum Baum, schnupperte an den Päckchen und fing
dann an zu bellen. „Er hat sie!“ rief Hauke durch die ganze Kirche. „Der treue
Hund des Weihnachtsmannes hat die Geschenke wiedergefunden. Sie lagen unter Eurem
Tannenbaum. Wie kommen die denn hierher? War ich vorhin schon mal da?“
„Neeeiiin!“ lautete der einstimmige Chor der Gäste. „Nun, wie auch immer. Die
Geschenke sind da und ich bin der Weihnachtsmann und ich bin auch da und ich werd
jetzt das tun, was so meine Aufgabe ist: Ich verteil jetzt die Geschenke!“ Der
Jubel war eine eindeutige Zustimmung und so begann die Bescherung. Markus hatte
die Päckchen nach Geschenken für Kinder und Erwachsene sortiert, damit die
Kinder nicht zu lange warten mussten. Hauke nahm zwischendurch immer wieder
auch Erwachsene dran, aber die Kinder vorzuziehen war eine gute Idee. Für alles
fanden sich Interessenten oder Hauke guckte sich jemanden aus, dem er das
Päckchen direkt gab. Wer nach vorne kam, um sich etwas abzuholen durfte, wenn
er wollte, etwas singen, aufsagen oder vormachen. Viele wollten natürlich
nicht, aber einige lustige und schöne Darbietungen gab es doch.
Als dann ein größeres und schweres Geschenk
für Torben auftauchte, bekam der ganz strahlende Augen. Er nahm es ganz
ehrfürchtig entgegen und wickelte es behutsam aus. Er konnte kaum fassen, dass
er tatsächlich das Buch über Ägypten bekommen hatte. Er strich über den Einband
und schlug es vorsichtig auf. Er sah zu seiner Mutter auf und wollte sich
bedanken, doch Meike sagte gleich: „So gern ich es Dir geschenkt hätte, das
Buch ist nicht von mir.“ Torben grübelte einen Moment. Dann sah er zu Sabina
hinüber. Sie lächelte nur und er lief zu ihr und umarmte sie ganz fest. „Danke,
danke, danke. Das ist so toll, das ist das beste Geschenk in der ganzen Welt!“
Sabina wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte, also sagte sie nur:
„Ist schon gut.“
Auch die Resultate des Bastelabends fanden
Anklang. Sowohl Meike, als auch Lisa freuten sich über die selbstgemachten Ketten.
Insgesamt waren alle recht zufrieden mit dem, was sie geschenkt bekamen, denn
hinter allen Dingen steckten liebevolle Überlegungen und Mühen.
Relativ spät bekam Hauke das Päckchen zu
fassen, dass für ihn bestimmt und an Christmas adressiert war. Er las den
Zettel etwas erstaunt vor, doch sein Hund fand die Idee offensichtlich klasse.
Er schnappte sich das Geschenk aus der Hand seines Herrchens und suchte sich
einen sicheren Platz neben dem Altar. „Aber warte mit dem Auspacken mein
Freund. Ich helf Dir dann.“ ermahnte der Weihnachtsmann seinen treuen Gehilfen.
Die Bescherung hatte in der Tat lange
gedauert, war aber zum Glück nicht langweilig geworden. Die Leute saßen überall
in kleinen Grüppchen beisammen und unterhielten sich und viele starteten einen
zweiten Gang zum Buffet. Hauke wurde von den Kindern umlagert, die vom
Weihnachtsmann persönlich eine Geschichte hören wollten und die Bitte konnte er
ihnen natürlich nicht abschlagen. Sabina sammelte überall das benutzte Geschirr
ein und brachte es in die Küche. Die Spülmaschine lief gerade, also ging sie
direkt wieder zurück zur Feier. Als sie am Büro vorbei kam, hörte sie das
Telefon klingeln. Eigentlich hatte sie damit zwar nichts zu tun, aber wenn am
Heiligabend jemand in der Kirche anrief, musste es ja wichtig sein. Die Tür war
offen und Sabina nahm den Hörer ab. „Hallo? Kirchengemeinde in der
Lutherstraße“ meldete sie sich. Sie wusste einfach nicht, was sie sonst hätte
sagen sollen. „Ja hallo. Gut, dass ich jemanden erreiche. Hier spricht das Städtische
Klinikum. Ist Meike Tanehoff bei Ihnen?“ „Jaaa“ Sabina bekam einen dicken Kloß
im Hals. Das Krankenhaus fragte nach Torbens Mutter. ‚Bitte nicht’ dachte sie
‚Bitte keine schlechten Nachrichten am Heiligabend, nicht jetzt!’ Die
Krankenschwester am anderen Ende sprach weiter. „Oh, gut. Dann hatte ich das
heute Nachmittag ja doch richtig verstanden. Ich müsste sie dringend sprechen.
Könnten Sie sie wohl bitte ans Telefon holen?“ „Ja, Moment bitte.“ Der Kloß
schnürte Sabina fast die Stimme ab. Sie hatte den Hörer schon auf den
Schreibtisch gelegt, als sie ein „Hallo, warten sie kurz!“ hörte. Sie nahm den
Hörer wieder ans Ohr. „Ja?“ „Sagen Sie Frau Tanehoff doch bitte, dass sie sich
keine Sorgen machen muss; ich habe gute Neuigkeiten für sie.“ Sabina fiel ein
Stein vom Herzen. Wenn die Schwester Meike am Heiligabend hinterher
telefonierte, dann mussten das schon verdammt gute Neuigkeiten sein. „Kleinen
Moment. Ich bin sofort wieder da.“ Diesmal lies sie den Hörer fast fallen und
eilte zur Kirche.
Sie musste sich zwingen, langsam zu gehen
und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Torben war gerade damit beschäftigt, einem
anderen Jungen sein Buch zu zeigen und zu erklären, was so spannend an Ägypten
war. Meike saß an der Wand und schaute träumend in den Baum. Im Vorbeigehen bat
Sabina Markus, ein bisschen nach Torben zu sehen, damit der möglichst nichts
mitbekam; sie wollte ihn nicht beunruhigen. Sie setzte sich neben Meike. Und
weil ihr keine geschickte Einleitung einfiel sagte sie einfach: „Das
Krankenhaus ist am Telefon.“ Im Bruchteil einer Sekunde drehte sich Meike zu
ihr um und in ihren Augen stand blankes Entsetzen. „Nein, es ist alles in
Ordnung, wirklich!“ Sabina legte ihr die Hände auf die Schultern. „Alles ist in
Ordnung. Die Schwester hat gesagt, sie hat gute Neuigkeiten für Dich.“ Jetzt
sah Meike etwas ungläubig aus. „Was denn für gute Neuigkeiten, um diese Zeit?“
„Das hat sie mir nicht gesagt. Komm, sie wartet. Dann weißt Du was los ist.“
Etwas zögernd stand Meike auf und folgte Sabina ins Büro. Sie setzte sich auf
den Stuhl und nahm vorsichtig den Hörer hoch. „Hallo?“ Es klang nicht fragend,
es klang ängstlich. Sabina stand an der Tür und wartete. Sie wollte nicht
lauschen, aber sie wollte Meike jetzt auch nicht alleine lassen, egal was
gerade passierte und in ihr vorging. Das Gespräch verlief eher einseitig. Von
Meike kam gelegentlich ein „Ja“ oder „Mhm“. Zum Schluss sagte sie: „Okay, wir
kommen dann.“ Alles klang neutral, fast unbeteiligt. Meike saß da, hatte den
Hörer noch in der Hand und ließ den Kopf hängen. Nun wusste Sabina gar nicht
mehr was los war. Dann schluchzte Meike. Sabina ging zu ihr, nahm ihr den Hörer
aus der Hand und legte ihn auf. Dann kniete sie sich hin und sah Meike ins
Gesicht. „Was ist denn los? Was ist denn bloß passiert? Sie sagte doch was von
guten Neuigkeiten.“ Meike sah sie an und die leise Verzweiflung war aus ihren
tränennassen Augen verschwunden. „Er ist wach.“ antwortete sie tonlos.
Dann brach es aus ihr heraus und sie fiel
Sabina um den Hals und ihre ganze Erleichterung suchte sich ihren Weg.
„Christian ist aufgewacht und er spricht und er weiß wer er ist und er versteht
wo er ist und er fragt nach Torben und mir und er hat Hunger!“ Sabina wusste
gar nicht, wie sie sich fühlen sollte. Da hatte sie diese in Tränen aufgelöste
Frau in den Armen, die ihr erzählte, dass ihr Mann nach Monaten endlich aus dem
Koma erwacht war und es ihm allen Anschein nach gut ging. Sollte sie sie
trösten oder nach einer Flasche Champagner suchen? Meike sammelte sich langsam
wieder. Sie richtete sich auf und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab.
„Entschuldige. Ich hab so oft von diesem Moment geträumt, dass ich kaum glauben
kann, dass er wahr wird. Ich träume doch nicht oder? Das passiert doch wirklich?“
„Ja, es passiert wirklich. Du hast Dir das nicht eingebildet. Wollen wir rüber
gehen und es Torben erzählen? Und dann sehen wir zu, wie ihr am schnellsten zum
Krankenhaus kommt.“ Sie lächelte Meike ein bisschen aufmunternd zu und hakte
sie unter.
In der Kirche hockte Markus mit Torben auf
dem Boden und ließ sich das Buch zeigen. Meike holte tief Luft und ging zu den
beiden rüber; Sabina hielt sich etwas im Hintergrund. „Torben, mein Schatz…“
Der Junge war einfach zu pfiffig. „Was ist los? Mama Du hast geweint! Was ist
passiert?“ „Nichts. Es ist alles in Ordnung. Das Krankenhaus hat angerufen.“
„Dann ist nicht alles in Ordnung. Die rufen nur an, wenn was Schlimmes passiert
ist!“ Torben bekam jetzt auch schon feuchte Augen. „Nein, mein Schatz, es ist
wirklich gut. Das Krankenhaus ruft auch an, wenn gute Dinge passieren. Papa ist
aufgewacht.“ Torben starrte sie ungläubig an. „Was?“ „Ja, ich konnt's auch
nicht glauben. Papa ist wach und es geht ihm soweit ganz gut. Er fragt nach
uns.“ Markus war schneller auf den Beinen als Torben die Nachricht verarbeiten
konnte. „Ich hol meine Autoschlüssel.“ Die Frage der Fahrt zum Krankenhaus war
geklärt.
Torben löste sich langsam aus seiner
Erstarrung. „Wirklich? Ganz ehrlich ohne Schummeln?“ „Wirklich. Ganz ehrlich
ohne Schummeln.“ Jetzt fiel Torben seiner Mutter um den Hals. Dann sprang er
auf und lief durch die Kirche und erzählte jedem, dass sein Papa wach sei. Die
meisten Leute fragten sich vermutlich, was daran so Bejubelns wert war, aber
die Freude des kleinen Kerls war ansteckend. Dann rannte Torben zu Sabina und
umarmte sie so heftig, wie noch nie zuvor. „Mein Papa ist wach! Das ist das
überhaupt allerschönste Weihnachten, das es nur geben kann. Danke, danke,
danke, danke schön!“ „Aber ich hab da doch gar nichts für gemacht!“
protestierte Sabina. „Aber bei irgendwem muss ich mich bedanken!“ Der nächste
war dann logischer Weise der Weihnachtsmann. Torben schmiss Hauke fast um, weil
der auf seinen Mantel trat, als er Torben auffing. Das ganze ging gerade noch
gut und Hauke freute sich natürlich begeistert mit. Auch Meike wollte Hauke
noch einmal ganz fest drücken und sich für alles bedanken und auch Sabina kam
wieder nicht ungeschoren davon. Markus stand bereits mit den Jacken im Arm an
der Tür und fuhr die beiden vorsichtig über die schneeglatten Straßen ins Krankenhaus.
Sabina stand in der Tür und sah dem Wagen
nach. Das war heute zwar nicht das erste Weihnachtswunder, aber es war mit
Sicherheit das größte. Sie hatte sich das ein oder andere von diesem Abend
erhofft, aber ihre Erwartungen waren alle zur Gänze übertroffen worden. Sie
fühlte sich pudelwohl und fand, dass es bestimmt kein besseres Weihnachten
geben konnte. Was hatte sie bloß vor einem Monat noch gegen dieses Fest gehabt?
Es hatte sich wirklich eine Menge verändert. Ihr Bauch hatte Recht behalten,
aber ob er das erwartet hatte? Wer weiß.
Hauke kam zu ihr und legte seine Arme mit
dem weiten Weihnachtsmannmantel um sie. „Es ist viel zu kalt hier draußen. Du
wirst nur krank.“ „Ich spür die Kälte gar nicht. Es fühlt sich gerade alles so
gut an.“ Trotzdem zog Hauke sie in den Windfang und ließ die Tür zufallen. Es
war das erste Mal an diesem Tag, dass die beiden ganz unter sich waren. Hauke
zeigte nach oben. „Vorsicht, Mistelzweig.“ „Wann hat Lisa die denn aufgehängt?“
„Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ich bin nur froh, dass er da hängt.“ Was dann
folgte, war nicht gerade ein harmloser Mistelzweig-Kuss und es sollte auch
nicht der letzte sein.
Wenn
es nach Sabina ginge, konnte ständig Weihnachten sein!
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24.12.2006 - Verlorene Weihnachten -23-
Am 24. Dezember wurde Sabina vom Klingeln
des Telefons geweckt. „Hallo?“ „Guten Morgen. Ich bin’s, Hauke. Bei Dir sieht’s
noch so ruhig aus, da dachte ich, ich ruf mal an. Nicht das Du gerade heute
verschläfst.“ Sabina sah auf ihren Wecker. Sie hatte noch nicht katastrophal
verschlafen, aber eigentlich hatte sie eher aufstehen wollen. Es gab noch genug
zu tun. „Ist gut, ich geh duschen. Danke fürs Wecken. Irgendwie hab ich meinen
Wecker nicht gestellt.“ „Dann sehen wir uns später, ich fahr jetzt zur Kirche.
Mach’s gut.“ Sabina legte wieder auf und setzte sich auf die Bettkante. Sie war
irgendwann in der Nacht aufgewacht. Im Fernsehen liefen diese wenig subtilen,
wenig ansprechend gestalteten Werbespots. Sie hatte im Halbschlaf die
Fernbedienung unter dem Sofa gefunden und den Kasten abgestellt. Danach war sie
in ihr Bett gegangen und hatte weiter geschlafen. Trotzdem fühlte sie sich wie
gerädert und war immer noch müde.
Unter der heißen Dusche verschwand langsam
ihre Schläfrigkeit. Wenigstens lösten sich hier schon mal die Verspannungen in
ihrem Nacken. Danach machte sie sich einen extra großen Becher Tee und
frühstückte. Nach und nach erwachten auch ihre Lebensgeister und ihr
Tatendrang. Nach dem Frühstück ging sie auf den Balkon und holte ihren
Weihnachtsbaum herein. Sie sah etwas besorgt in den Himmel. Er hing voll
dunkler Wolken und es war eine seltsame Luft. Ohne Schnee konnte Sabina leben,
aber einen verregneten Heiligabend fand sie furchtbar. Hauke hatte beim
Umziehen festgestellt, dass er zwei Christbaumständer besaß und ihr gerne einen
davon geliehen. Für Baumschmuck musste sie auch kein Geld ausgeben. Als Sabina
Lisa erzählt hatte, dass sie nun doch einen Weihnachtsbaum haben würde, hatte
die ihr sofort etwas aus ihrer umfangreichen Sammlung angeboten. Da Sabina
selbst keine rechte Idee hatte, wie sie den Baum schmücken wollte, hatte sie
dieses Angebot dankend angenommen.
Nun öffnete sie nach einander die geliehenen
Schachteln; in den vergangenen Tagen hatte sie dazu noch keine Gelegenheit
gefunden. In der ersten Schachtel war praktischerweise eine Lichterkette. In
der zweiten lagen ein großer goldener Stern und als Alternative eine goldene
Baumspitze. Danach kamen die Kugeln; Lisa hatte ihr auch hier zwei verschiedene
Arten eingepackt. Die einen waren dunkelrot und aus Glas, die anderen waren aus
Pappe und mit nostalgischen Weihnachtsmotiven überzogen. In der fünften
Schachtel waren Strohsterne und in der sechsten lange Ketten aus Perlen und
Sternen. Als alle Schachteln geöffnet auf dem Tisch standen, seufzte Sabina,
weil sie sich nicht sicher war, ob sie das so ohne Weiteres schaffen würde. Als
sie noch klein gewesen war, hatte sie nie beim Baumschmücken helfen dürfen.
Daraus hatten ihre Eltern immer ein Geheimnis gemacht, das erst zur Bescherung
gelüftet wurde.
Sabina begann mit dem, was ihr logisch und
relativ einfach erschien, den Lichtern. Sie enthedderte mit ein bisschen Mühe
das Kabel und verteilte anschließend die Kerzen gleichmäßig im Baum. Nach einer
Weile steckte sie den Stecker in die Dose und besah sich ihr Werk von allen
Seiten. Einige Kerzen rückte sie noch ein wenig hierhin oder ein Stückchen
dortrüber, aber im Großen und Ganzen war sie mit diesem Anfang ganz zufrieden.
Doch jetzt fingen die Entscheidungen an. Der Baum bei ihren Eltern hatte früher
immer eine Spitze getragen, doch der Stern war auch sehr hübsch. Sie probierte
einfach beides aus und entschied sich dann für den Stern. Diesen Dezember hatte
sie schon so vieles anders gemacht, als in den letzten Jahren, warum sollte sie
da nicht auch diese Tradition nach ihren Wünschen ändern. Die vielen Facetten
des Sterns reflektierten das Licht der Kerzenlämpchen und gaben dem Baum ein
ganz eigenes Strahlen.
Bei den Kugeln war die Entscheidung schwerer.
Die roten waren klassisch, aber auch etwas nüchtern. Die Kugeln mit den
Weihnachtsmotiven trafen mit ihrer Nostalgie genau Sabinas Geschmack, aber sie
war sich nicht sicher, ob der Baum damit nicht zu unruhig werden würde. Sie
konnte sich nicht entscheiden und hielt die Kugeln nebeneinander ins Licht und
an den Baum. Manchmal konnte die Lösung wirklich nicht leichter sein: Die
Kugeln passten wunderbar zusammen! Und so wanderten von beiden Sorten einige
Kugeln an die Zweige.
Bei den Ketten war Sabina skeptisch, aber
auch hier probierte sie einfach hin und her und fand die Ketten mit den Sternen
dann doch ganz niedlich. Wenn man sie weiter Richtung Stamm schob gaben sie dem
Baum mehr optische Tiefe. Abschließen füllte Sie noch einige kleinere Lücken
mit Strohsternen. Als sie dann ein paar Schritte zurück trat, war sie sehr
zufrieden mit ihrem Werk. (Vorher wäre sie beinahe über das Sofa gefallen, aber
das tut hier nichts zur Sache.)
All zu lange erfreuen konnte sie sich an
ihrem Werk nicht. Sie packte alle nötigen Sachen zusammen und machte sich auf
den Weg in Richtung Kirche, um bei den letzten Vorbereitungen zu helfen.
Allerdings musste sie ihre Wohnungstür noch einmal aufschließen. Sie hatte den
Kopf schon wieder so voller Dinge, die erledigt werden mussten gehabt, dass sie
doch glatt die Geschenke vergessen hatte. Im zweiten Anlauf bekam sie dann
alles mit und ging zu Fuß die wenigen Straßen zur Kirche. Sie nahm sich die
Zeit, auch auf die Häuser zu beiden Seiten zu achten. Viele Fenster und Balkone
waren geschmückt und mit Lichtern versehen. Manches war Sabina zu kitschig, und
dass einige Leute einen lebensgroßen Weihnachtsmann an die Hauswand hängten,
fand sie reichlich seltsam, abr insgesamt sah es schön aus.
Lisa war natürlich schon vor ihr in der
Kirche gewesen und umarmte sie zur Begrüßung. So viel Herzlichkeit war zwar neu
und ungewohnt für Sabina, schien aber zu Weihnachten zu passen. Hauke kam
gerade mit einer großen Leiter herein, stellte sie ab und machte es Lisa nach.
Diese Umarmung war für Sabina mindestens genauso überraschend und ungewohnt,
aber sie konnte bei Leibe nicht sagen, dass sie etwas dagegen gehabt hätte. „Na
Du. Aufgewacht?“ „Geht so. Ich hab die halbe Nacht auf dem Sofa geschlafen, das
war nicht die beste Idee.“ „Kann ich mir vorstellen. Was willst Du machen? Lisa
beim Schmücken helfen“ dabei zeigte er auf die Leiter „oder mit mir die
zusätzlichen Gesangsbücher aus dem Keller hoch holen?“ Sabina sah ihn an.
„Sorry, aber da schmücke ich lieber. Die schweren Sachen überlasse ich dann
doch lieber euch Männern.“ „Ich hatte es befürchtet. Was frag ich auch?“ Er
seufzte theatralisch und ging wieder hinaus.
Lisa freute sich über Sabinas Hilfe und die
beiden machten sich ans Werk. Zuvor bewunderte Sabina aber noch einmal den Baum
von allen Seiten. Er sah ohne Schnee auf seinen Zweigen mindestens genauso gut
aus, wie an dem Tag im Wald. Mit stillem Stolz stellte Sabina fest, dass der
Dekoprofi Lisa den Baum in der selben Reihenfolge schmückte, wie sie es zuvor
zuhause gemacht hatte. Allerdings war die Masse an Baumschmuck überwältigend.
Die Kindergruppen der Gemeinde hatten einiges gebastelt und Lisa wollte diese
Dinge unbedingt in den Baum integrieren, ohne dass dem dadurch die klare Linie
fehlte. Die beiden probierten also auch an diesem Baum eine Weile herum bis sie
all die Quasten, Goldfolienketten und Papiersterne gelungen mit den Kugeln und
Schleifen kombiniert hatten.
Immer wieder flitzte Lisa in einem
Irrsinnstempo die Leiter hinauf, so dass Sabina keine Zeit hatte zu reagieren
und die Leiter festzuhalten. Aber entweder war die Leiter ungewöhnlich
standfest oder aber am heutigen Tag waren ein paar helfende und schützende
Engel anwesend. Jedenfalls konnten die beiden den Baum unfallfrei
fertigschmücken und waren nach über einer Stunde sehr zufrieden. Hauke gefiel
er auch und Christmas Bellen wurde einfach als Zustimmung interpretiert, obwohl
es natürlich alles und nichts heißen konnte.
Lisa widmete sich danach dem Essen und Hauke
und Sabina knoteten Bänder an kleine Zettel. Auf diese Zettel sollten die Leute
entweder den Namen des Beschenkten schreiben oder eine kurze Beschreibung geben.
Hauke würde dann versuchen die Leute während der Feier gut genug kennen zu
lernen, das jeder etwas bekam, dass ihm auch eine Freude bereiten würde. „Wenn
wirklich so viele kommen, musst Du mir dabei helfen. Ich hab zwar ne gute
Menschenkenntnis, aber wann soll ich denn so viele Gespräche führen?“ Sabina
traute ihrer Menschenkenntnis zwar nicht so sehr, aber natürlich würde sie
versuchen Hauke zu helfen. Mit gefangen, mit gehangen oder wie hieß es so
schön.
Christmas hatte sich auf Sabinas Füße gelegt
und hielt ein Mittagsschläfchen. Er hatte die Ruhe weg, als ginge ihn das alles
nichts an.
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23.12.2006 - Verlorene Weihnachten -22-
Diese letzte Woche vor Weihnachten brachte
Sabina an den Rand der Verzweiflung. Mehr als einmal fragte sie sich, wie sie
in all das hinein geraten war und warum sie, ausgerechnet sie, die sich seit
Jahren nicht um Weihnachten geschert hatte, jetzt in solchem Weihnachtsstress
steckte. Sie musste sich immer wieder in Erinnerung rufen, warum und für wen
sie das alles auf sich nahm, um nicht aufzugeben. Es hieß doch immer, es gehe
bei Weihnachten darum, etwas für andere Menschen zu tun. Wenn Sabina jedoch
betrachtete, was sie für diese Feier erduldete, fragte sie sich wirklich, was
dann an Weihnachten so toll sein sollte.
Während der Arbeit sprach Lisa Sabina immer
wieder auf die Planung der Feier, das Essen, die Deko und alles mögliche andere
an. Es war wirklich ein Segen, dass sie so wenig zu tun hatten. Zwischendurch
telefonierte Sabina mit Hauke, damit sie beide auf dem selben Stand waren und
überhaupt zerbrach sich Sabina ständig den Kopf darüber, wie alles ablaufen
sollte. Sollte es eine Art Programm geben, mit Liedersingen und
Weihnachtsgeschichte lesen, vielleicht auch mit einigen Spielen? Sollten alle
Gäste Namensschilder bekommen, damit die Atmosphäre nicht so anonym war oder
wäre das vielen Gästen unangenehm? Wie genau sollte die Geschenkeverteilung
erfolgen? Wie viele Leute würden überhaupt kommen und was, wenn nicht genug
Geschenke da waren?
Sabina hatte ihren ganz eigenen
Adventskalender aufgestellt. Eigentlich war es mehr eine Art Countdown,
manchmal kam es ihr selber vor, wie die Strichliste eines Gefangenen.
Dienstag, noch vier Tage bis Heiligabend.
Obwohl die Zettel erst seit Montagabend
überall im Viertel hingen, hatten sich schon viele Menschen bei der Kirche
erkundigt, wie genau das aussehen sollte und ob womöglich nur Gemeindemitglieder
oder nur getaufte Christen kommen durften. Hauke war ganz begeistert von der
Resonanz und stürzte sich jetzt, da der Pastor wieder genesen war, völlig in
dieses Projekt.
Lisa hingegen stand an diesem Tag kurz vor
dem Nervenzusammenbruch. Sie hatte am Abend ein Gericht für das Buffet
vorbereiten wollen, für das ganz viel Gemüse klein geschnitten werden musste.
Dabei hatte sie vergessen, dass ihr Mann Markus an diesem Abend Weihnachtsfeier
im Sportverein hatte. Allein konnte sie die Schnibbelei nicht bewältigen und
das Gericht erst am nächsten Tag anzugehen, hätte ihren ganzen Zeitplan
durcheinander gebracht. Das war genau das, was Sabina befürchtet hatte: Lisa
steigerte sich zu sehr in alles rein und drohte an ihrem eigenen
Perfektionismus zu scheitern. Um das Schlimmste abzuwenden, willigte Sabina ein
am Abend zu Lisa zu kommen und ihr zu helfen.
Als sie danach endlich zu hause war, war
Sabina so müde, dass sie sich am liebsten gleich in Klamotten ins Bett gelegt
hätte.
Mittwoch, noch drei Tage bis Heiligabend.
Hauke rief Sabina mehrmals am Tag an, um
verschiedenes zu klären und immer wieder hatte er noch eine Kleinigkeit
vergessen. Und auch, wenn sie nur noch wenig Arbeit zu erledigen hatte, lenkte
das ständige Telefonieren und Planen des Heiligabend sie doch gewaltig von dem,
was noch zu erledigen war, ab. Als Hauke kurz vor ihrer Mittagspause wieder anrief
schlug sie ihm daher vor, sie könne doch nach Feierabend zu ihm kommen, die
beiden könnten sich Pizza bestellen (das hatte sie in den letzten Wochen gar
nicht mehr gemacht) und dann in Ruhe und von Angesicht zu Angesicht alles
besprechen. Den Nachmittag über holte Sabina dann die liegen gebliebene Arbeit
auf. Lisa zog sie natürlich auf, sie habe ein Date und sie müsse am nächsten
Tag alles erzählen und solle ja brav sein. Sabinas Bauch reagierte mit einem
seltsamen Kitzeln, ihr Kopf war aber viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt,
als dass er darauf geachtet hätte und so tat sie Lisas Bemerkung wie üblich ab.
In der Tat redeten Hauke und Sabina am
Abend nicht über private Dinge, sondern fast ausschließlich über das Fest.
Zwischendurch erzählte Hauke Sabina noch, was er für Torben und seine Mutter
bei den Behörden und sogar bei den Versicherungen erreicht hatte. Man würde ihr
nun endlich Geld auszahlen und die Krankenhausrechnungen begleichen, so dass
wenigstens diese materielle Last von der Familie genommen war. Außerdem hatte
Hauke sich die Zeit genommen, Torbens Mutter im Krankenhaus bei ihrem Mann zu
besuchen und ihr ganz gezielt eine Aussprache angeboten. Natürlich schwieg
Hauke über den Inhalt dieses Gesprächs, aber er deutete an, dass diese Frau
wirklich allein vor ihren Problemen gestanden und alles in sich hineingefressen
hatte.
Am Ende des Abends hatten sie sich auf ein
kleines weihnachtliches Programm für die Feier geeinigt, das nicht zu sehr von
christlichen Traditionen geprägt sein sollte. Vieles wollten sie vorschlagen
und die Umsetzung von den Interessen der Gäste abhängig machen. Hauke würde
tatsächlich als Weihnachtsmann die Geschenke verteilen und hatte aus den
allgemeinen Gaben, die über die Kirche verteilt werden sollten eine Art eiserne
Reserve gebildet und für die Zuteilung war ihnen auch etwas eingefallen. Die
Idee mit den Namensschildern gegen die Anonymität fand Hauke großartig und
Sabina ließ sich wieder ein wenig von seiner Begeisterung anstecken und vergaß
für eine Weile die Anstrengungen.
Als sie wieder in ihrer Wohnung war putzte
sie sich nur noch die Zähne und zog sich bereits im Bett liegend noch halbwegs aus.
Sie würde zwar am nächsten Morgen über die Klamotten vor ihrem Bett stolpern,
aber das war ihr während sie einschlief völlig egal.
Donnerstag, noch zwei Tage bis Heiligabend.
Sabina war unausgeschlafen, müde und gereizt
und besprach nur widerwillig die Details der Feier und Organisation mit Lisa.
Aber sie wusste, dass es nicht anders ging, dass Lisa, ihr umfangreiches
Buffet, ihre Dekorationsideen und ihre Bereitschaft schon Stunden vorher in die
Kirche zu kommen und alles mit herzurichten einen der Pfeiler ihres Plans
bildeten. Sabina bemühte sich daher wirklich und bis zum Mittag war ihre Laune
wieder erträglich und die Absprachen mit Lisa wurden eindeutig zu Papier
gebracht.
Nach Feierabend in ihrer Wohnung freute sich
Sabina eigentlich nur auf Ruhe und Schlaf. Damit war es jedoch vorbei, als
Torben an der Wohnungstür klingelte. „Hallo. Wir müssen ja noch die Ketten
einpacken. Hast Du jetzt Zeit dafür?“ Fast hätte Sabina nein gesagt, aber wann
hätte sie sich die Zeit sonst nehmen sollen? Sie hatte das Einpacken regelrecht
vergessen. Also saß sie relativ lange mit Torben an ihrem niedrigen
Wohnzimmertisch und bastelte kleine Tütchen für die Ketten und Armbänder.
Torben plauderte munter über die letzten Tage in der Schule und die anstehende
Weihnachtsfeier in der Kirche, zu der er seine Mutter hatte überreden können.
‚Wenigstens hat das schon mal geklappt.’ dachte Sabina. Schließlich veranstaltete
sie den Zauber hauptsächlich für Torben.
Als Torben gegangen war und Sabina das
nötigste aufgeräumt hatte, viel sie ins Bett, wie sie war und schlief, noch
bevor sie mit dem Kopf das Kissen berührte.
Freitag, noch ein Tag bis Heiligabend.
Am Morgen faxte Hauke ihr eine Liste ins
Büro. Es hatten schon sehr viele Leute nach der Weihnachtsfeier gefragt. Darunter
waren auch viele Ältere, die gerne kommen wollten, aber nicht mehr mobil genug
waren, allein auf den teils glatten Wegen zur Kirche zu kommen. Es gab aber
auch junge Leute, die die Idee toll fanden und anboten, noch kurzfristig zu
helfen. Sabina verbrachte fast den ganzen Tag damit, die Adressen zu erfragen,
abzugleichen, wer in wessen Nähe wohnte und dann Fahr- oder Laufgemeinschaften
zu arrangieren. Dabei musste sie auch noch berücksichtigen, wer vorher schon am
Gottesdienst teilnehmen wollte und wer erst zur Feier kam, wer größere
Gegenstände zu transportieren hatte und wer diesen Transport gewährleisten
konnte. Das ganze gestaltete sich ziemlich kompliziert und langwierig und die
Gespräche mit den älteren Menschen erwiesen sich in verschiedener Hinsicht als
anstrengend, vor allem, weil viele bereits schwerhörig waren. Die Arbeit, die
an diesem letzten Tag vor den Feiertagen noch anfiel, übernahm Lisa alleine und
war damit auch gut beschäftigt. Am frühen Nachmittag konnte Sabina erleichtert
bei Hauke anrufen und ihm mitteilen, dass alle, die kommen wollten, auch kommen
konnten.
Abends in
ihrer Wohnung blieb das zweites Wurstbrot zur Hälfte ungegessen. Der Nachrichtensprecher
verlas das Wetter in diesem Wohnzimmer ohne Publikum. Sabina war auf dem Sofa eingeschlafen.
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21.12.2006 - Verlorene Weihnachten -21-
Am Montag war von der weißen Pracht, die die
Stadt so herrlich geschmückt hatte, leider nicht mehr übrig geblieben, als ein
paar matschige graue Haufen. Sabina hoffte, dass es bis Heiligabend noch mehr
Schnee geben würde, irgendwie verlief dann alles etwas besinnlicher.
Bei der Arbeit kehrte langsam die
Weihnachtsruhe ein. Nur einige Kollegen verfielen in Hektik, weil sie ihre
Ablage das ganze Jahr über nicht in Ordnung hielten und nun zum Jahresabschluss
alles auf Vordermann bringen musste. Bei Sabina und Lisa im Büro blieb alles
ruhig. Sie halfen den anderen mit Büromaterialien aus und erledigten die
wenigen Alltagsaufgaben, die noch anfielen. Lisa hatte am Morgen die Keksdose
noch einmal aufgefüllt. „Markus und ich haben das ganze Wochenende gebacken.“
mümmelte sie heraus, während sie einen Zimtstern aß. „Bei dem schönen Wetter
wart ihr nicht draußen?! Da habt ihr echt was verpasst, es war einfach
herrlich.“ „Na, aber für Samstag brauchen wir doch genug zu knabbern. Was für
ein Heiligabend wäre das denn, wenn es keine selbstgebackenen Kekse gäbe?“ Es
war unüberhörbar, dass diese Sache für Lisa eine Frage der Ehre war.
„Natürlich ist es toll, wenn wir da viele
Kekse haben, vor allem so leckere wie Eure. Aber eigentlich war die Idee, dass
jeder eine Kleinigkeit mitbringt. Du musst nicht alleine das ganze Fest versorgen.“
„Es macht mir aber richtig Spaß! Ich hab schon ganz viel vorbereitet. Was ist
denn jetzt eigentlich mit der Küche? Gibt’s da eine und dürfen wir da rein?“
„Ja. Aber bitte Lisa, so schön das alles ist, übertreib es nicht.“ „Ich geb mir
Mühe. Aber es ist ein wirklich schönes Gefühl, das man Menschen damit eine
Freude machen kann. Und ich kann ganz viele Rezepte ausprobieren, die für
Markus und mich immer zu aufwendig waren. Verdirb mir nicht den Spaß, okay?“
„Will ich doch gar nicht. Ich will nur nicht, dass Du es übertreibst.“
Lisa zog eine Schnute und wechselte das
Thema. „Was hast Du denn so am Wochenende gemacht?“ „Och, nichts besonderes.“
Sabina wollte den Moment auskosten und bereitete ihn gründlich vor. „Ich war
nur mit Hauke und Christmas im Wald. Wir haben Weihnachtsbäume ausgesucht und
selber geschlagen, auch den für die Kirche; also den natürlich nur ausgesucht,
der hätte uns ja erschlagen. Der wird Dir gefallen. Der sieht schon
ungeschmückt wunderbar aus und Du kannst ihn in ein Kunstwerk verwandeln.“
Lisa sagte erstmal gar nichts und das wollte
schon etwas heißen. Sie sah Sabina nur mit leicht offen stehendem Mund an.
Irgendwann fand sie ihre Sprache wieder. „Du warst mit Hauke, bei diesem
romantischen Wetter im Wald spazieren und ihr habt zusammen Weihnachtsbäume
ausgesucht und er hat sie selber geschlagen.“ Sie sagte das alles ganz langsam
und ruhig, so als könnte sie es noch gar nicht glauben. Dann brach der Damm.
„Und das nennst Du ‚nichts besonderes’?!?“ Sabina musste schmunzeln. Das war
ziemlich genau die Reaktion, die sie erwartet hatte. „Wir waren nur zusammen im
Wald spazieren. Die meiste Zeit war auch noch der Förster bei uns. Also bitte.
Er dachte, es könnte mir gefallen, bei dem Wetter draußen zu sein und es war
auch wirklich toll. Es sah fast aus, wie in einem Märchenwald.“
Lisa hatte ihre Fassung wieder gefunden.
„Das wird noch was mit Euch zweien, ich hab das im Gefühl. Ihr habt Euch so
schnell aneinander gewöhnt, das muss einfach was ganz besonderes werden. Und
Deine Augen leuchten immer so, wenn Du von ihm erzählst.“ „Gar nicht wahr!“
viel Sabina ihr ins Wort. Jetzt war es an Lisa, zu schmunzeln. „Gib doch zu,
dass Du Dich verguckt hast. Was ist denn schon dabei? Er scheint doch ein
wirklich netter und anständiger Kerl zu sein.“ Sabina schwieg. Sie hatte mit
einem Mal das seltsame Gefühl, Lisa könnte vielleicht Recht haben und sie
wusste noch nicht, was sie davon halten sollte.
Da sie heute so wenig zu tun hatten, nutzten
die beiden den Büro-PC, um ein Plakat zu entwerfen, dass die Menschen in
Sabinas Viertel auf den speziellen Heiligabend aufmerksam machen sollte. In die
Mitte platzierten sie einen geschmückten Baum mit einem lachenden
Weihnachtsmann davor. Darüber schrieben sie einen möglichst überzeugenden
Einladungstext, der die Leute aus ihrer Einsamkeit locken sollte und unter den
Baum, schrieben sie alle Informationen. Sie probierten mehrere Schrifttypen aus
und entschieden sich am Ende für eine schlichte, die auch ältere Menschen gut
lesen konnten. Schließlich wollten sie die besonders ansprechen.
Als das Plakat fertig war, folgte Sabina
einer spontanen Eingebung und ging damit ins Büro ihres Chefs. „Ach, guten Tag
Frau Dornfeld. Was kann ich für Sie tun?“ „Ich wollte Sie fragen, ob Sie eine
gemeinnützige Aktion unterstützen würden.“ „Nun, im Prinzip schon, aber es
hängt doch davon ab, was Sie von mir erwarten.“ Sabina legte ihm den
Plakatsentwurf auf den Tisch. „Wir machen eine Feier an Heiligabend, für alle
in unserem Viertel, die alleine wären oder sich Weihnachten nicht leisten
können. Die Kirche stellt uns die Räumlichkeiten zur Verfügung. Jetzt müssen
wir die Menschen nur noch einladen. Dafür haben wir dieses Plakat entworfen und
es wäre nett, wenn wir das hier in der Firma vervielfältigen könnten.“ Der Chef
las sich das Plakat aufmerksam durch. „Das klingt doch mal nach einer wirklich
schönen Sache. Gute, alte, einfache Nachbarschaftshilfe, das lob ich mir. Gehen
sie ruhig kopieren. Wie viele brauchen Sie? Vielleicht 60/70 in DIN A 3 und
noch mal 150 in DIN A 4, denken Sie, das reicht?“ Sabina war ganz verdutzt. Sie
hatte sich noch gar keine konkreten Zahlen überlegt. „Eh, ja, ich denke, damit
sollten wir locker hinkommen.“ So ganz traute sie dem ganzen noch nicht. Konnte
ja auch sein, dass er sie nur veräppelte und die ganze Idee albern fand. „Gut.
Dann machen Sie das so. Gehen Sie damit ruhig runter in die Druckabteilung, da
ist die Qualität besser. Die Kollegen, sollen das auf meinem Konto notieren,
hier haben sie eine entsprechende Notiz.“ Er gab ihr den Plakatsentwurf und
einen kleinen Zettel zurück. Sabina wusste gar nicht, was sie dazu sagen
sollte. „Dankeschön“ war alles, was ihr einfiel. Als sie schon fast aus dem
Büro raus war sagte ihr Chef „Und lassen sie sich ein paar Rollen Tesafilm
geben.“ „Wie bitte?“ Irgendwie kam Sabina gerade nicht mit. „Na Sie müssen die
Zettel doch auch an die Wände bringen, dafür eignet sich Tesafilm.“ Er lächelte
sie an, do dass sie nicht länger befürchtete, er würde sie veräppeln. „Daran
hatte ich noch nicht gedacht. Vielen Dank.“ „Viel Erfolg mit Ihrem Projekt.“
Sabina ging erstmal zurück in ihr Büro und
ließ sich auf den Stuhl fallen. Lisa wollte natürlich hören, was passiert war
und Sabina erzählte es ihr. „Das hast Du nicht wirklich gemacht?! Du hast
einfach den Chef gefragt? Und der hat gesagt ‚Klar machen Sie mal und vergessen
Sie das Tesafilm nicht.’ und jetzt darfst Du das hier in Unmengen kopieren?“
„So sieht’s aus. Jetzt brauchen wir aber auch noch genug Leute, die uns beim
Aufhängen helfen. Das soll ja nicht umsonst kopiert sein.“ „Geh du mal runter
und mach die Abzüge, ich frag bei den Kollegen rum, wer heute Abend ein
bisschen Zeit hätte. Das wäre doch gelacht.“
In der Druckabteilung traf Sabina auf die
Chefsekretärin. Sie offenbar auf der Suche nach jemandem, an dem sie ihre
schlechte Laune auslassen konnte. Sie angelte sich das oberste Blatt von
Sabinas Stapel und studierte es eingehend. „Na wenn das mal keine Privatkopien
sind. So was ist verboten. Dafür kann man Dir kündigen. Wenn das der Chef
wüsste…“ Ihr drohender Tonfall war mit subtil absolut schlecht umschrieben.
„Denk mal an, das kümmert mich nicht.“ Sabina hatte keine Lust, auf die
Spielchen dieser Miesmacherin einzugehen. „Na das werden wir ja sehen!“
schnaubte die Sekretärin verächtlich und zum Angestellten der Abteilung gewandt
blaffte sie: „Stoppen sie diesen Auftrag. Das muss erst der Chef absegnen.“ Der
junge Mann war sichtlich irritiert. „Wieso denn absegnen? Der Auftrag kommt doch
vom Chef. Hier ist die Anweisung. Steht alles ganz genau drauf und ist seine
Handschrift. Außerdem ist das eh schon alles fertig.“ Er legte den zweiten
Stapel Kopien vor Sabina hin und packte ihr ein Paket Tesafilmrollen oben
drauf. „Klingt nach `ner schönen Idee, was Sie da vor haben. Viel Spaß dabei
und frohes Fest.“ „Danke, wünsche ich Ihnen auch.“ Die Sekretärin schien zur
Salzsäule erstarrt und bekam ihren Mund nicht mehr zu. Sabina nahm einen Zettel
und drückte ihn ihr in die Hand. „Da, falls Dich Deine eigene Laune an Weihnachten
annervt, kannst Du ja mal vorbeischauen.“ Damit verließ Sie den Raum und ging
wieder hinauf in ihr Büro.
Als sie Lisa von der Begegnung erzählte,
amüsierten die beiden sich köstlich. Lisa war es natürlich gelungen, einige der
alleinstehenden Kollegen zu überreden, dass sie heute Abend beim Plakatieren
halfen und der arme Markus war auch schon eingespannt.
Alles lief wie
geschmiert und Sabina war mit sich und der Welt im Reinen.
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20.12.2006 - Verlorene Weihnachten -20-
Am darauf folgenden Samstag klingelte es
völlig unerwartet bei Sabina. Sie hatte es sich mit einem Becher Tee auf dem
Sofa gemütlich gemacht und wollte den Tag eigentlich mit Faulenzen verbringen.
Aber da es schon wenige Sekunden später erneut klingelte, schlurfte sie etwas
unwillig zur Tür. „Ist ja gut, ich komm ja.“ (Als wenn das der Mensch drei Stockwerke
tiefer hören könnte.) Sie drückte die Taste der Gegensprechanlage. „Ja bitte?“
„Hey, willst Du mit uns `nen Weihnachtsbaum schlagen gehen?“ „Hauke?“ „Ja. Was
ist nun? Willst Du mit?“
Sabina war völlig überrumpelt. „Eh, ja,
Moment, ich komm gleich. Muss mir nur schnell was Warmes anziehen.“ Sie
tauschte ihren Jogginganzug in Windeseile gegen warme Kordhosen und einen
dicken Rollkragenpulli. Nach den Thermosocken schlüpfte sie in ihre Winterstiefel
und kramte Schal, Mütze und Handschuhe aus der Kommode. Sie versuchte, noch
einen Schluck Tee zu trinken, doch dabei verbrühte sie sich beinah die Zunge.
Als sie die Tür hinter sich zuzog, war sie gerade erst mit einem Arm in der
Jacke.
Unten angekommen, atmete Sabina erst einmal
tief die herrliche Luft ein. Kalt und klar. Schneeluft. Es hatte doch
tatsächlich geschneit. Freitag Mittag, pünktlich zum Schulschluss waren dicke
weiße Flocken vom Himmel gesegelt. Auf dem Weg von der Arbeit hatte Sabina mit
zweierlei zu kämpfen gehabt: Zum einen waren die Straßen und Wege unglaublich
glitschig geworden, zum Anderen waren ihr ständig Kinder vors Rad gesprungen,
die die Gelegenheit ergriffen hatten, eine Schneeballschlacht zu veranstalten.
Es hatte scheinbar die ganze Nacht durch
geschneit, jedenfalls lag heute alles unter einer dicken Schicht begraben. Die
Sonne schien, so dass alle Flächen glitzerten und funkelten. Es war immer
wieder erstaunlich, wie sehr so ein bisschen gefrorenes Wasser die Welt verändern
und schmücken konnte. Ob die Pracht bis Heiligabend halten würde, stand auf
einem anderen Blatt.
Bevor
Sabina Hauke begrüßen konnte, kam ein völlig durchgedrehter Christmas auf sie
zu und sprang an ihr hoch. Überall in seinem Fell klebte Schnee und ein Blick
auf die Fläche vor dem Haus verriet Sabina auch warum: Christmas hatte das
kleine Feld regelrecht umgepflügt. „Hatte ich erwähnt, dass mein Hund
Schneekrank ist?“ „Was ist denn Schneekrankheit?“ „Siehst Du doch. Sobald
Schnee liegt, dreht er völlig ab. Der Hund ist nicht mehr zurechnungsfähig.“
„Aber immer noch sehr liebenswürdig und amüsant.“ ergriff Sabina die Verteidigerrolle.
Darauf wusste Hauke scheinbar keine Antwort. „Na kommt ihr zwei. Wir müssen
einen Baum aussuchen.“
Als sie im Auto saßen und Richtung
Stadtgrenze fuhren fragte Sabina: „Warum fahren wir einen Baum schlagen?“ „Weil
das zu Weihnachten Tradition ist.“ „Aber heute schlägt doch kaum einer seinen
Baum selber, die gibt’s doch überall zu kaufen.“ „Aber keinen, der groß genug
für die Kirche wäre. Den Pastor hat die Grippe erwischt, sonst macht er das
immer selber. Dieses Jahr habe ich nun die Ehre. Und ich dachte mir, Du
möchtest vielleicht aussuchen helfen.“ Sabina drehte sich skeptisch zur
Rückbank um. „Du hast zwar `nen Kombi…, aber meinst Du nicht, dass das etwas
eng werden könnte?“ Hauke lachte. „Den großen Baum nehmen wir nicht selber mit.
Das geht gar nicht. Für den braucht es auch Profis um den aufzustellen. Aber es
gibt da auch kleinere Bäume, die man sich dann selber schlagen kann und die
dadurch billiger sind, als an den Christbaumständen. Für zu hause.“ „Ich hatte
in meiner Wohnung noch nie einen Weihnachtsbaum.“ „Echt nicht?! Das kann ich
mir gar nicht vorstellen. Da fehlt doch was.“ „Hab ich bisher nie so empfunden.
Mal sehen, vielleicht ja dieses Jahr.“
Sie parkten an einem kleinen Wald, wo schon
mehrere Wagen standen und die ersten Familien bereits ihre Beute zu verstauen
versuchten. Der Förster wartete schon auf sie. Die großen Bäume konnte man
nicht einfach so aussuchen und fällen, da musste vieles bedacht werden, wie
Sabina schnell merkte. Stützte der Baum einen anderen oder waren zwei so in
einander verwachsen, dass man den zweiten gleich mit umriss, konnte der Baum in
eine Richtung problemlos umfallen oder erschlug er dabei andere, kleinere
Bäume? Für all diese Dinge brauchte es das Auge des Fachmanns.
Sie stapften durch den verschneiten Wald,
fernab der Wege und Sabina war mehr als froh, dass der Förster bei ihnen war.
Es war zwar noch hell, aber den Weg hätte sie wahrscheinlich trotzdem nicht
mehr gefunden. Es sah alles so gleich aus. Nach einer knappen Stunde hatten sie
drei Bäume gesehen, die ihnen gefielen, die die richtige Größe hatten und die
man fällen konnte. Während Christmas nach wie vor herumtobte, an allem
schnüffelte und Bäume markierte, fing Sabina an zu frieren und die Lust zu
verlieren. Der Förster war ein Stück voraus gegangen und Hauke nahm gerade eine
Gruppe größerer Tannen zu ihrer Linken in Augenschein, als Sabina weiter rechts
eine Art natürlicher Lichtung entdeckte. Die Sonne stand schon tief aber ihr
Licht viel malerisch durch die Zweige und sammelte sich dort.
Sabina folgte dem Licht und … da stand er!
Der perfekte
Weihnachtsbaum. Er war groß, gerade und zu allen Seiten voll gewachsen. Sabina
ging fast ehrfürchtig um ihn herum. Solche Bäume kannte sie nur aus
amerikanischen Filmen und da wirkten sie einfach nur künstlich. Aber dieser
hier war genauso gewachsen und er war perfekt. Christmas war ihr gefolgt und
schien ihrer Meinung zu sein. Er blieb mitten in der Lichtung stehen und sah
nach oben. Dann lief er unter die tief hängenden Zweige und schnupperte am
Stamm. Der Baum fand seine Zustimmung und wurde markiert. Sabina hatte ihre
Wanderung um den Baum abgeschlossen und stand nun einfach nur da. Die Kälte
spürte sie nicht mehr. Christmas setzte sich neben sie und bellte einmal kurz.
Hauke bahnte sich seinen Weg auf die
Lichtung und kraulte seinen Vierbeiner am Kopf. „Na, Ihr zwei. Was habt Ihr
denn schönes gefunden?“ „Sie’s Dir an.“ war Sabinas schlichte Antwort, bei der
sie auf den Baum deutete. „Wow.“ Danach wiederholte Hauke den gang, den schon
Sabina gegangen war und als er wieder neben ihr stand wiederholte er „Wow“. Die
Beiden sahen sich an und der Fall war entschieden. Der und kein anderer würde
in ihrer Kirche und auf ihrer Weihnachtsfeier stehen. Der Förster markierte den
Baum mit einem farbigen Band und vermerkte ihn in seinen Unterlagen, so dass er
pünktlich zum Fest an Ort und Stelle sein würde.
Wieder auf dem Hauptweg angekommen, wies
ihnen der Förster die Richtung zum Bereich mit kleinen Bäumen für
Privathaushalte und ging dann seiner Wege und seiner Arbeit nach. Sabina und
Hauke schlenderten langsam und schweigend zurück. Der Anblick eines so herrlichen
Baums, geschmückt mit dem frischen Schnee, der im Licht der untergehenden Sonne
leuchtete hatte etwas erhabenes, was man nicht so leicht vergaß.
Erst, als sie das Getümmel am Parkplatz
schon sehen konnten, ergriff Sabina das Wort. „Jetzt will ich auch einen Baum,
für meine Wohnung. Auch wenn er nicht so perfekt ist, aber jetzt will ich auch
einen.“ Hauke lächelte sie an. „Wusste ich’s doch, dass irgendwo in Dir eine
Weihnachtsromantikerin steckt. Und ausgerechnet ein Baum hat dich bekehrt.“
„Ach, jetzt veräppel mich doch nicht. Lass uns lieber einen Baum suchen.“ Sie
fanden zwei schöne kleine Bäumchen, für ihre Wohnzimmer und die waren auch
klein genug, um in Haukes Kombi zu passen.
Wieder zu hause trug Hauke Sabinas Baum noch
hinauf in ihre Wohnung und lehnte ihn auf dem Balkon in die Ecke. Sabina setzte
in der Zwischenzeit Teewasser auf und die beiden saßen noch ein bisschen
zusammen, aßen Kekse und unterhielten sich über die Vorbereitungen für die
Feier und Torben und seine Mutter. Hauke hatte natürlich Wort gehalten und erst
mit Torbens Mutter und dann mit den Behörden gesprochen. Es gab noch keine
Ergebnisse, aber wenigstens redete jetzt jemand mit ihnen und bemühte sich um
eine Lösung. Dann musste Hauke leider gehen, weil er noch die Predigt für den
nächsten Tag vorbereiten wollte. Er musste den erkrankten Pastor ja nicht nur
im Wald vertreten.
Sabina saß
danach noch eine Weile mit ihrem Teebecher auf dem Sofa, betrachtete ihren
kleinen Baum auf dem Balkon und dachte an den wunderschönen, majestätischen
Baum auf seiner Lichtung.
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Über mich
Hier gibt es vom 1. bis zum 24. Dezember jeden Tag ein neues Kapitel einer von mir geschriebenen Geschichte zu lesen; wie bei einem Adventskalender. Viel Spaß damit!
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